Tanja Schweifer führt für den Kleingartenverein Martini das Tagebuch von Jeremy Deller Taschentuchbaum wird zehn Jahre alt

Münster -

Der Stolz steht gleich am Eingang. Die Kleingärtner von Martini haben es geschafft, aus dem Taschentuchbaum-Samen von 2007 einen Baum erwachsen zu lassen. Jeremy Deller hatte die Samen ausgegeben, damit zu den Skulptur-Projekten 2017 viele Taschentücher in Münster an Bäumen flattern. Doch diese Pflanze ist sensibel; viele Kleingärtner mussten im Botanischen Garten nachordern. In Martini hat es geklappt. Und Tanja Schweifer hat das Wachstum in ihrem Tagebuch mitverfolgt.

Von Gerhard H. Kock
Tanja Schweifer hat auch die traditionellen Festivitäten des Kleingartenvereins fotografisch festgehalten.
Tanja Schweifer hat auch die traditionellen Festivitäten des Kleingartenvereins fotografisch festgehalten. Foto: Gerhard H. Kock

Jeder Frieden ist bedroht. Auch der des Kleingartens Martini: „Nur noch für die oberen Zehntausend“, lautet eine Schlagzeile. Die Landesentwicklungsgesellschaft will zwei Drittel der Anlage an die Deutsche Gartenland GmbH verkaufen – deren Chef findet: „Ein interessantes Investment“. Die 43 Pächter sind entsetzt: „Angriff auf das Kleingartenwesen“. Und machen mobil. Eine Petition geht an den Rat. „Die Stadt greift ein und kauft das Land auf – alles wendet sich zum Guten“, heißt es im Tagebuch von Tanja Schweifer.

Alle Gärten werden 2007 mit dem Fischauge fotografiert und in einem Gartenjahr ausschließlich gelbe Blütenpflanzen. Es sind erstaunlich viele verschiedene – von der Zaubernuss bis zur Goldrute. Spektakuläre Natur wird festgehalten, wie die Raupe des Ligusterschwärmers bei „Maria und Heinrich“. Ein dickes Ding. Und an die giftige Dornfinger-Spinne erinnert, die Münster erreicht hat. Es wird ein Loblied auf den Pferdemist gesungen – ein traditionsreicher Gartendünger.

Wie in fast jedem Buch gibt es mindestens eine Ernte-Kuriosität aus dem Gemüsegarten: Bei Martini ist es „das Kartoffelschwein“, das allerdings schon eher wie ein Nilpferd aussieht. Und kleine Abenteuer: Im Garten von „Gartenfreund Uwe“ hat sich ein Entenpaar den kleinen Teich ausgesucht. Die Goldfische dort sind durch ein Netz geschützt. Und als der Vogel-Nachwuchs schlüpft, die Küken auch.

Die Gemeinschaft legt einen Lehrpfad Kleinbiotope an. 2009 wird eine Spendenparty für den kleinen Phil organisiert, damit der eine Delfintherapie machen kann. Selbst eine Biker-Truppe fährt vor, um ihre Spende zu überreichen.

Die Sonnenkinder der Kindertagesstätte haben auch einen Kleingarten in Martini und nehmen am Gemeinschaftsleben teil, wie 2011 ihre Weihnachtsmützen-Parade zeigt. Kleingarten ist das ganze Leben im Kleinen; da steht neben den forschenden und feiernden Kindergarten-Kindern die Todesanzeige einer Gartenfreundin. Und der 28. Juli 2014 mit seinen 300 Litern Regen pro Quadratmeter trifft Martini besonders: Eindrucksvolle Fotos dokumentieren die Dramatik und die Schäden. Noch heute erinnert am Eingang ein Schild an dieses Unwetter.

Zum Thema

Jeremy Deller hat 2007 Münsters Kleingärtner gebeten, für sein Skulptur-Projekt zehn Jahre lang Tagebuch zu führen. Die Westfälischen Nachrichten haben einen Blick in die opulenten Werke geworfen.  | Wird fortgesetzt

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