Zweirad-Jubiläum
200 Jahre Fahrrad – aber keine Feier

Münster -

Das Fahrrad feiert in diesem Jahr den 200. Geburtstag. Doch in der Leezen-Hochburg Münster wird von diesem Jubiläum kaum Notiz genommen.

Samstag, 18.03.2017, 12:00 Uhr
Radfahrerin am Aasee Foto: dpa

Es ist das Markenzeichen Münsters schlechthin: das Fahrrad. Oder wie die Alteingesessenen hier gerne sagen: die Leeze. In diesem Jahr feiert das Fortbewegungsmittel Nummer eins in der Stadt und das weltweit am meisten genutzte Transportmittel ein besonderes Jubiläum: Am 12. Juni 1817 fuhr Karl Drais erstmals auf einer Laufmaschine, die als Urform des Fahrrads gilt, durch Mannheim.

Doch 200 Jahre später spielt dieses Ereignis in Münster, das sich gerne als Fahrradhauptstadt der Republik sieht, offenbar keine wesentliche Rolle. Die Stadt plant zum Geburtstag des Zweirads jedenfalls keine besonderen Aktionen, wie Sprecher Joachim Schiek auf Nachfrage erklärte.

Radfest in Bielefeld

Verkehrte Welt möchte man fast meinen: Im nicht weit entfernten Bielefeld findet nämlich auf der dortigen Radbahn Mitte Juni das Radfest NRW statt – mit entsprechender Würdigung der zwei Jahrhunderte auf zwei Rädern. Das Land Baden-Württemberg hat aus diesem Anlass sogar einen speziellen Internet-Auftritt ins Leben gerufen: www.200jahre-fahrrad.de.

Schließlich ist man im Südwesten der Republik mächtig stolz darauf, mit dem Anstoß für Auto und Fahrrad die Welt mobiler gemacht zu haben. Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann singt das hohe Lied auf die Leeze: „Das Fahrrad als modernes, vielseitiges und gesundheitsförderndes Fortbewegungsmittel ist die passende Antwort auf viele Herausforderungen im Verkehrsbereich.“

Münsters Fahrrad-ABC: Von A wie Ampel bis Z wie Zeit

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    Alle Jahre wieder, zum Start des Wintersemesters, ist die Zeit der Frischlinge auf den Radwegen. Mit den neuen Studentinnen und Studenten erobern Tausende Neumünsteraner für sich die deutsche Fahrradhauptstadt. Für viele eine mitunter abenteuerliche Begleiterfahrung des Studienstarts. Hier für die Anfänger auf den Radwegen und alle Leezenliebhaber ein kleines Alphabet des Radverkehrs in Münster von unserer Redakteurin Karin Völker.

    Foto: dpa
  • A wie Ampel: Unbedingt beachten! Ampeln haben in Münster für Fahrradfahrer nicht bloß Empfehlungscharakter. Bei Rot also besser stehenbleiben. Erstens, weil alles andere gefährlich sein kann. Zweitens, weil als Strafe ein Punkt in der Flensburger Verkehrssünderkartei und 100 Euro Strafe drohen. Sehr empfindlich fürs studentische Portemonnaie.

    Foto: Colourbox.de
  • B wie Bürgersteig: Er ist in Münster den Fußgängern vorbehalten. Es gibt ja auch meistens Radwege.

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  • C wie cholerische Anfälle: Sie sind trotz des hier verbreiteten gemäßigten westfälischen Temperaments bei diversen Verkehrsteilnehmern bisweilen zu beobachten. Gilt das Geschimpfe einem selbst, am besten die Ruhe bewahren.

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  • D wie Diskussionen: Sollte man als Fahrradfahrer besser mit anderen Verkehrsteilnehmern nicht anfangen, erst recht nicht mit Polizisten. Diskussionen über die Sinnhaftigkeit von Verkehrsregeln sind zwecklos.

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  • E wie E-Bike: Das Fahrrad mit Batterieverstärkung ist auf Münsters Radwegen schwer im Kommen. Vorsicht vor dem beachtlichen Tempo – wenn sportliche junge Menschen von älteren Herrschaften überholt werden, ist oft ein Akku im Spiel.

    Foto: Oliver Werner
  • F wie Fußgänger: Sie verdienen Rücksicht und Freundlichkeit – auch wenn es mitunter erscheint, die Fußgänger liefen prinzipiell auf Radwegen.

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  • G wie Geschwindigkeit: Tempo 30 in Wohngebieten gilt auch für Radler!

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  • H wie Hamburger Tunnel: Er ist während des Bahnhofsumbaus zentrale Verkehrsachse von und zum Gleis und Ort der friedlichen Koexistenz zwischen Fußgängern und Fahrradfahrern.  Skeptiker staunen: Es funktioniert.

    Foto: Matthias Ahlke
  • I wie Irren: Es ist menschlich und kommt bei allen Verkehrsteilnehmern vor. Auch wenn das Fahrrad bewegungsfördernder und umweltfreundlicher ist als das Auto: Auch Autofahrer haben im Verkehr manchmal Recht.

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  • J wie Jugend: Das Radfahren in Münster ist keineswegs nur ihr Privileg. In Münster strampeln  auch viele über 80-Jährige noch durch die Stadt. Fahrradfahren ist hier eine generationsübergreifende Angelegenheit – mit vielen Geschwindigkeiten.

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  • K wie Klauen: Der Fahrradklau ist in Münster ein verbreitetes Übel, das die Stadt in der Kriminalitätsstatistik regelmäßig schlecht aussehen lässt. Ein wenig helfen solide Schlösser.

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  • L wie Ludgerikreisel: Für viele Radler ein neuralgischer Punkt. Die Polizei empfiehlt: beherzt auf der Mitte der Spur fahren. Autos kommen meistens auch nicht schneller vorwärts als Radler.

    Foto: Oliver Werner
  • M wie Meimel: Ein münsterischer Ausdruck für Regen – und zwar dessen langanhaltende Form, und damit einer der natürlichen Feinde des Fahrradfahrers. Trotz häufiger Meimelgefahr lässt man sich in Münster nicht so leicht aus dem Sattel vertreiben. Viele auch nicht durch Schnee und Frost: Es gibt hier extra Streufahrzeuge für die Radwege.

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  • N wie Nase: Sie hat der Radfahrer immer im Wind. Nicht ausgeschlossen, dass im Winter dabei mal eine Erkältung rauskommt. Aber was gibt es Schöneres, als im Frühling unter den blühenden Silberlinden auf der Promenade herzuradeln? 

    Foto: Colourbox.de
  • O wie Ordnungshüter: Die Kräfte von Stadt und Polizei schenken dem Radverkehr sehr viel Aufmerksamkeit, besonders zu Semesterbeginn. 

    Foto: Klaus Wiedau
  • P wie Parken: In Münster bisweilen auch für Fahrradfahrer nicht unproblematisch. Merke: Bürgersteige  gehören nicht zugestellt und immer merken, wo das Rad steht. Es soll Studenten geben, die ihre Leezen semesterlang gesucht haben.

    Foto: Colourbox.de
  • Q wie Quälerei: Kommt sogar im Fahrradparadies Münster vor – vor allem immer dann, wenn man Pannen hat.  Zum Glück gibt es an fast jeder Ecke einen Fahrradladen, der helfen kann.

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  • R wie Rücklicht: Sollte unbedingt ebenso wie das Vorderlicht funktionieren. Wenn man nicht selbst kontrolliert, ob es brennt – die Polizei tut es ohnehin und verteilt gegebenenfalls Knöllchen.

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  • S wie Stau: Gibt es in Münster, speziell während der Semesterzeiten auch auf Radwegen. Hier hilft nur Geduld.

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  • T wie Trunkenheit: Auch wer sich noch mit 1,6 Promille Alkohol im Blut für fahrtüchtig hält: Lieber das Rad schieben! Denn auch Fahrradfahrer erwarten Alkoholkontrollen durch die hiesige Polizei. Kein Scherz: Im Extremfall werden Fahrradfahrverbote verhängt.

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  • U wie Unfälle: Sie passieren leider – trotz vieler Maßnahmen der Verkehrsplaner und Polizei immer noch zu häufig. Ein Helm kann manchmal das Schlimmste verhindern. 

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  • V wie Vorsicht: Auch defensive Radfahrer kommen ans Ziel, mitunter sogar schneller als die Draufgänger.

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  • W wie Waschanlage: Luxus, wenn man seinem Drahtesel mal was Gutes will. Gibt es tatsächlich speziell für Fahrräder – im Fahrradparkhaus am Bahnhof.

    Foto: Presseamt/Joachim Busch
  • X&Y sind die Unbekannten und stehen für das Unerwartete beim Radfahren – zum Glück ist das nicht nur der plötzliche Plattfuß. Es gibt auch den Flirt beim Warten an der roten Fahrradampel. . .

    Foto: Colourbox.de
  • Z wie Zeit: Wer in Münster Rad fährt, spart meistens kostbare Minuten. Faustregel: Je näher man sich im Stadtkern bewegt, desto größer die Zeitersparnis. Autofahrer kommen fast immer langsamer ans Ziel.

    Foto: Colourbox.de

Erste Erwähnung des Fahrrads

Im münsterischen Stadtarchiv findet sich bislang kein festes Datum für das erste Auftauchen eines Fahrrads in der Stadt. Allerdings ist Mitarbeiterin Anja Gussek bei ihrer Durchsicht auf vielfältige Hinweise vor allem im Zusammenhang mit Ordnungsmaßnahmen gestoßen. „Eine der ersten Erwähnungen des Fahrrades in Münster steht in Zusammenhang mit einer Reglementierung.“

Im Amtsblatt von 1878 untersagte demnach eine kommunale Polizeiordnung, auf Fußwegen und Bürgersteigen „auf Velocipeden zu reiten“. Das deutet darauf hin, dass bereits in den Jahren zuvor Zweiradfahrer auf Münsters Straßen unterwegs waren. Das behördliche Verbot betraf laut Gussek übrigens auch die Promenade, die bis nach 1945 für den Radverkehr gesperrt blieb.

Das erste Fahrradgeschäft in Münster eröffnete 1886 Anton Knubel an der Schützenstraße 5: „Vermutlich handelt es sich damit auch um eines der frühesten Zweiradgeschäfte im gesamten Westfalen“, so der Historiker Dr. Bernd Haunfelder.

Infrastruktur wird weiterentwickelt

Heutzutage hilft das Fahrrad dabei mit, dem Verkehrsinfarkt in der wachsenden Stadt vorzubeugen. Inzwischen sind dank der Weiterentwicklung zu E-Bikes und Pedelecs auch längere Strecken bequem zu fahren. So soll in den nächsten Jahren nicht nur die Infrastruktur für Radfahrer in Münster weiter verbessert werden. Auch der Ausbau von Velorouten, die Münster mit dem Umland verbinden, soll vorangetrieben werden. 

Kommentar

Verpasste Chance

Was verbinden Sie mit Münster? Deutschlandweit gefragt, würde das Fahrrad garantiert zu den Top-Antworten gehören. Denn die Leeze steht sinnbildlich für unsere Stadt wie nur wenig anderes. Und vielleicht ist das für die meisten Münsteraner so was von selbstverständlich, dass manchmal kaum mehr großes Aufheben um das Fahrrad gemacht wird. Glücklicherweise verfügt diese Stadt über einen Fundus von Dingen, die sich werbetechnisch wunderbar verwenden lassen und Menschen anziehen.

Aber das Jubiläum des Fahrrads wäre in der Zweirad-Hauptstadt der Republik unter Marketing-Gesichtspunkten eine willkommene Vorlage für eine große Aktion gewesen. Schließlich gibt es nicht viele Städte, die bundesweit so intensiv mit einem Verkehrsmittel verbunden werden; in dieser Liga spielen vielleicht Stuttgart mit Benz oder Wuppertal mit der Schwebebahn. Aber Fahrräder sind gleichermaßen in wie innovativ, machen keinen Krach, sind umweltfreundlich – allesamt positive Aspekte.

Dass Münster das Jubiläum „200 Jahre Fahrrad“ für sich nicht nutzen mag, ist jedenfalls eine verpasste Chance. Andernorts würde man uns um dieses Pfund beneiden.

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