Samuel Treindl und die „Forschungsstelle für anarchistische Produktion“ in der Kunsthalle Möglichkeiten sind schön

Münster -

Die Ausstellung von Samuel Treindl ist nicht fertig und wird es auch nicht bis zur Eröffnung.

Von Gerhard H. Kock
Künstler, Techniker, Designer, Forscher, bei Samuel Treindl – hier mit Kunsttechniker Christian Geißler (r.) von der Kunsthalle – sind die Übergänge fließend und von geringem Belang: Hauptsache, die Produktion fließt.
Künstler, Techniker, Designer, Forscher, bei Samuel Treindl – hier mit Kunsttechniker Christian Geißler (r.) von der Kunsthalle – sind die Übergänge fließend und von geringem Belang: Hauptsache, die Produktion fließt. Foto: Gerhard H. Kock

Die Ausstellung von Samuel Treindl ist nicht fertig und wird es auch nicht bis zur Eröffnung. Selbst zum Ausstellungsende soll es nicht geschafft werden. Dabei kommt der Künstler gebürtig noch hörbar aus dem Ländle der „Alleskönner“. Und in gewisser Weise lassen sich in seinem ungewöhnlichen Projekt für die Kunsthalle Münster Vorurteile über Schwaben wiederfinden: unbändiger Forschergeist, Akkuratesse und Experimentierfreude.

Das Produktionsprojekt „Produktionsblase“ sieht aus wie eine Werkstatt und ist es. Nur, dass hier Maschinen farbig sind. Und da fängt es schon an. Denn ein Motor oder der Betonmischer sind mit selbst gefertigter Ei-Tempera-Farbe angestrichen und mit Firniss versehen wie bei Altmeistern in der Malerei. So erhält das Industrieprodukt den Charakter einer Leinwand – ein skulpturales Gemälde à la Renaissance.

Treindl ist ausgebildeter Drechsler, hat in Münster an der Akademie für Gestaltung der Handwerker studiert, sein Diplom bei den Designern gemacht und studiert an der Kunstakademie Münster: ein Grenzgänger, ein Forscher, der seine Entdeckungen provoziert, ein Philosoph: „Kunst ist eine Möglichkeit, die entsteht. Dann ist es schön. Manchmal auch nur für einen Moment.“

Seine Methode ist es, aus der Logik einer Produktionssituation Möglichkeiten zu schaffen und dann auszuwählen. Dabei gehen Ästhetik und Pragmatismus Hand in Hand. In der Kunsthalle gibt es verschiedene Produktionsorte wie Tropfstelle, Schüttstelle oder Trockenstelle. Am Anfang, so es ihn denn letztlich gibt, steht ein Schredder. Hier darf auch jeder Besucher jederzeit mitschreddern: „Liebesbriefe, Rechnungen, Geld“ – es geht dem Künstler um Transformation. Wirken Liebesbrief-Schnipsel anders als Papierfetzen aus Rechnungen? Aus der Schreddermasse werden neue Materialien gefertigt. Mit solchen Kunststoffe wird dann weiterproduziert – Ende offen.

An einer Stelle könnte etwas eine Leinwand sein. „Die steht dort für eine Viskositätsprobe“, erläutert Ulrike Becker von der „Forschungsstelle für anarchistische Produktion“ die triefenden Farbmuster. Raumprägend ist eine halbrunde Kugel aus Blisterfolie. Diese Produktionsstätte hat eine Hütte als Eingang und auch ein Fenster. Nützlichkeit ist nicht das Ziel. Kleine Veränderungen in einem System werfen völlig neue Möglichkeiten auf: Die Seitenteile eines Schwerlast-Regals werden ohne trennende Trageflächen direkt miteinander verkuppelt. Plötzlich wirken sie ungelenkt, wie sie sich so aufeinander stützen, fast anrührend. Der funktionalen Nützlichkeit den Rücken kehren, um die Schönheit neuer, letztlich unendlich vieler Möglichkeiten entstehen zu lassen und betrachten zu können, das wird in der Kunsthalle zu erleben sein.

Zum Thema

Die Ausstellung wird am Freitag (17. März) um 19.30 Uhr in der Kunsthalle, Hafenweg 28, eröffnet. Vom 26. März findet bis zum 23. April jeden Sonntag von 15 bis 17 Uhr ein partizipativer Nachmittag statt, das heißt: die Besucher dürfen mitproduzieren.

http://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/4705384?categorypath=%2F2%2F2669082%2F2670173%2F2686135%2F2686808%2F2686822%2F