Premiere von Christiane Hagedorns „Billie Holiday“-Programm Neues Leben für eine Jazzlegende

Münster -

Sie hastet auf die Bühne, das Make-Up ist verwischt. Ein bisschen schwankend beginnt sie irgendwann zu singen, geduldig begleitet vom sanftmütig lächelnden Pianisten. Mit „Blue Moon“ geht es los, viele Töne von unten angeschliffen, die Stimme bewusst rauchig, das Vibrato effektvoll über manche Töne gezuckert. Gleichzeitig klingt es wie mit schwerer Zunge gelallt – Christiane Hagedorn verleiht Billie Holiday, der im Drogensumpf untergegangenen amerikanischen Jazzlegende, für einen Abend neues Leben.

Von Heike Eickhoff
Christiane Hagedorn als Billie Holiday
Christiane Hagedorn als Billie Holiday Foto: Heike Eickhoff

Martin Scholz begleitet Hagedorn am Klavier, streut ein paar Moderationen ein und lächelt. Er sei nicht nur ihr „Man“, er sei auch ihr „Brain“!“, lallt Hagedorn und deutet mit leicht wegwerfender Geste, so wie Holiday es häufig tat, auf Scholz.

Hagedorn präsentiert die Hits der Jazzikone, aber so ganz springt der Funke in der prall gefüllten Vinothek nicht über. Ruhig sitzen die Zuschauer an den kleinen Tischen, applaudieren gesittet und nippen an ihren Gläsern.

Zur Musik kam sie beim „Putzen im Puff“, als sie die Platten von Bessie Smith hörte, faselt Hagedorn benebelt alias Holiday. Dass Holiday dort mehr als nur Raumpflegerin war, weiß jeder Musikfreund, doch bringt Hagedorn diese Anekdote so rührend rüber, dass man fast an das naive, verführte Mädchen vom Lande glauben könnte.

Nach der Pause setzte sich Pianist Scholz lächelnd allein an das Klavier und legt ein fein swingendes kleines Stück in. Dann wankt Holiday (Hagedorn) hinzu und singt „Easy Living“, die Töne wieder schön angeschliffen. „Ol’ Man River“, den Megahit aus dem Musical „Show­boat“, singt sie ohne das Klavier, recht frei und sicher in ihre höchste Lage hinauf. Da ist Hagedorn in ihrem Element und wird mit sehr viel Beifall belohnt. Hagedorn erzählt vom „Frauenknast“, in dem Holiday mal war, und dass sie dort nicht singen konnte. Pianist Scholz klopft während dessen gegen ein Mikro, und so bekommt die getrieben wirkende Schilderung der Holiday einen leisen, aufgeregten Herzschlag dazu.

„Don‘t explain“ kommt gegen Ende der Show. Sanft lässt Hagedorn es fließen, Scholz greift zum gedämpften Kornett statt in die Tasten. Dramaturgisch war die Show auf diesen Hit hin konzipiert, und Hagedorn und Scholz nutzten ihn gekonnt als großes Finale.

Hagedorn ist nicht Billie Holiday, singt überhaupt nicht wie diese und Scholz ist kein Lester Young. Aber die beiden, vielleicht, weil sie den Originalen gar nicht ähneln, haben hier ein sehr interessantes, extrem hörenswertes und auf den Punkt gearbeitetes Programm vorgelegt.

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