Ben Becker in Münster Erfüllungsgehilfe im Erlösungsplan

Münster -

Ben Becker bringt den berühmtesten Verräter aller Zeiten auf die Bühne. Am Samstagabend trat er mit seinem Programm "Ich, Judas" in der Überwasserkirche auf. Eine Benefiz-Veranstaltung, die anfangs ausgerechnet unter der Akustik litt.

Von Helmut Jasny
Ben Becker in der Überwasserkirche
Ben Becker in der Überwasserkirche Foto: Gunnar A. Pier

Wieso Verrat? Was gab es denn zu verraten? Seinen Aufenthaltsort? Den kannte eh jeder. Dass er Gottes Sohn sei? Das hat er ja selber gesagt. Mit diesen Worten verteidigt sich Judas. Nicht in der Bibel, sondern bei Walter Jens.

Der Tübinger Autor hatte den Fall 1975 „neu aufgerollt“ und dem berühmtesten Verräter aller Zeiten eine Apologie geschrieben. Seit 2015 ist der Schauspieler Ben Becker mit dem Monolog auf Tour. Am Samstag trat er in der Überwasserkirche auf – eine Benefiz-Veranstaltung zugunsten des Prostatazentrums am Uniklinikum Münster.

Keine Lesung, sondern Schauspiel

Als Einstimmung las Becker eine Passage aus Amoz Oz’ Roman „Judas“, die den letzten Abend vor dessen Selbstmord behandelt. Beckers Vortrag ist sorgfältig ausgearbeitet, wird aber zu einem Kampf mit der Akustik. Akribisch, fast schon überdeutlich spricht er die Worte aus und formt deren Klang mit den Händen nach. Aber das Gewölbe legt über alles einen Hall, sodass der Text nur schwer zu verstehen ist.

Das wird bei Jens dann deutlich besser. Hier ist der Ton trockener. Wahrscheinlich liegt es auch am Kopfmikrofon, das Becker jetzt benutzt. Denn „Ich, Judas“ ist keine Lesung mehr, sondern Schauspiel, und dazu braucht er Bewegungsfreiheit. Hinter sich hat er einen Tisch, auf dem die Evangelien liegen, aus denen er immer wieder zitiert, um Judas’ Verteidigungsrede zu untermauern.

Stehende Ovationen

Er habe nur getan, was getan werden musste, erklärt er. Ohne Verrat keine Kreuzigung, ohne Kreuz keine Kirche. Er sei auserwählt worden, den Beweis anzutreten, dass der Mensch der Erlösung bedarf. „Judas ist nichts ohne Jesus“, das räumt er ein. „Aber Jesus ist auch nichts ohne Judas.“ Es wäre für ihn leichter gewesen, an dessen Stelle zu sterben, als ihn töten zu müssen. Aber er war gehorsam und hat den göttlichen Plan erfüllt. Deshalb fordert er, dass sein Schuldspruch ein für allemal aufgehoben werde.

Becker tritt ganz in Weiß auf und spielt sein darstellerisches Können weidlich aus. Er argumentiert, er brüllt. Bald steht im Schaum vor dem Mund. Dazwischen wird er ganz leise, nachdenklich, um dann plötzlich auf die Zuschauer in der vorderen Reihe zuzustürmen und ihnen seine Sicht der Dinge ins Gesicht zu schleudern. Gerade dass er sie nicht am Revers packt. Irgendwann steht er auf dem Tisch und reckt die Arme gen Himmel, über ihm der Gekreuzigte, stimmungsvoll illuminiert.

Das hat Wirkung, keine Frage, und als die Vorstellung nach gut zwei Stunden vorüber ist, gibt es stehende Ovationen.

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