Indro-Chef Schneider im Interview
Bahnhofsumgestaltung: Süchtige werden verdrängt

Münster -

Der Bahnhof wird umgestaltet. Aber was wird aus der Drogenszene hinter dem Bahnhof? Dr. Wolfgang Schneider, Chef von „indro“ gibt uns Antworten.

Samstag, 11.03.2017, 10:00 Uhr
Wolfgang Schneider ist seit fast 30 Jahren in der niederschwelligen Drogenhilfe aktiv. Foto: bn

Dr. Wolfgang Schneider hat die Berichte über die geplante Neugestaltung der Ostseite des Bahnhofs ausgeschnitten. Sie liegen vor ihm auf dem Tisch im Empfangsbüro von „indro“ am Bremer Platz. Hier können Drogensüchtige hygienisch konsumieren, werden von 12 Mitarbeitern sozial betreut. Mit indro-Geschäftsführer Schneider sprach unser Redakteur Günter Benning.

Was bedeutet die Neugestaltung des Bahnhofs für die Drogenszene?

Schneider: Der Umbau wird zur Selbstverdrängung führen, dazu bedarf es keiner Polizei. Wenn die Pergola am Bremer Platz abgebaut wird, Parkplätze und Fahrradstellplätze entstehen, gehen die Leute weg.

Wohin?

Schneider: In Nebenstraßen, in Nischen, die dort noch sind. Und weiter in Richtung Hafenviertel. Wenn das gewollt ist...

Wie groß ist die Szene?

Schneider: Wir haben bei indro am Tag 100, 120 Besuche. Davon konsumieren 50, 60 im Drogenkonsumraum, die Übrigen werden beraten, bekommen Essen, können Wäsche waschen. Die Szene selber wird geschätzt auf 1000 bis 1200. Viele davon sind in Substitution, die ist in Münster breit aufgebaut.

Die ersten Bilder aus dem Bahnhof Münster

1/8
  • Die ersten Bilder aus dem Inneren des münsterischen Bahnhofs.

    Die ersten Bilder aus dem Inneren des münsterischen Bahnhofs.

    Foto: Oliver Werner
  • Die ersten Bilder aus dem Inneren des münsterischen Bahnhofs.

    Foto: Oliver Werner
  • Die ersten Bilder aus dem Inneren des münsterischen Bahnhofs.

    Foto: Oliver Werner
  • Die ersten Bilder aus dem Inneren des münsterischen Bahnhofs.

    Foto: Oliver Werner
  • Die ersten Bilder aus dem Inneren des münsterischen Bahnhofs.

    Foto: Oliver Werner
  • Die ersten Bilder aus dem Inneren des münsterischen Bahnhofs.

    Foto: Oliver Werner
  • Die ersten Bilder aus dem Inneren des münsterischen Bahnhofs.

    Foto: Oliver Werner
  • Die ersten Bilder aus dem Inneren des münsterischen Bahnhofs.

    Foto: Oliver Werner

Das heißt, sie erhalten Methadon?

Schneider: Ja, das sind etwa 830, wobei auch Leute aus dem Umfeld kommen. In Münster wird konsumiert und gehandelt, das war schon immer so.

Der Bremer Platz ist auch ein Angst-Raum. Dunkle Gestalten stehen da herum. Hat das zugenommen?

Schneider: Die Szene hat sich verändert, es sind viele Migranten dazu gestoßen, besonders Russlanddeutsche. 35 Prozent unserer Besucher kommen aus ehemaligen GUS-Staaten. Viele sind schon mit Drogenproblemen hergekommen. Die Szene ist aber nicht größer geworden. Allenfalls ist sie in der Wahrnehmung konzentrierter.

Müssen die Leute da sein?

Schneider: Irgendwo müssen sie hin. Die Polizei hat gesagt, dadurch, dass sie sich dort konzentrieren, haben wir sie im Blick. Die Polizei interessiert nicht der Konsument, sondern der Handelsweg und der Dealer.

Was passiert, wenn die Szene verdrängt wird?

Schneider: Dann wird auch die Polizei keinen Überblick mehr haben. In den kleinen Nebenstraßen, in den Nebenstraßen werden sich kleinere Szenen bilden.

Mancher ordnungsliebende Bürger wird sich fragen, kann man diese Szene-Versammlung nicht verbieten?

Schneider: Das wird nicht gehen. Wir leben in einer Konsum- und Unterhaltungsgesellschaft. Wir müssen damit leben, dass es Menschen gibt, die süchtig sind. Sie werden sich ihren Stoff besorgen. Das große Problem ist die Illegalität. Sie müssen, um an Stoff zu kommen, kriminell werden. Besonders ab Mitte des Monats, wenn das Geld ausgeht. Sie müssen Verstecke organisieren oder Kommissionsgeschäfte machen, Hehlerware anpreisen. Sie sind den ganzen Tag in Bewegung. Eigentlich haben die Leute Handlungskompetenzen – nur in der falschen Richtung.

Mehr zum Thema

Hauptbahnhof Münster: Neues Gesicht für den Bremer Platz

Kommentar zur Gestaltung des Bremer Platzes:  Die ganz große Chance

Weiteres Bauprojekt am Bahnhof: Post soll abgerissen werden

Neues Empfangsgebäude:  Hauptbahnhof Münster wird erst Ende Juni fertig

Mit Video & Fotostrecke: Neuer Bahnhof auf der Zielgeraden - Großteil der Mieter steht bereits fest

...

Was ist Ihre Aufgabe?

Schneider: Wir versuchen es zu schaffen, dass sie überhaupt überleben können. Dass sie unter hygienischen Bedingungen konsumieren und nicht draußen unter unhygienischen. Darüber hinaus geben wir Alltagshilfe, bis hin zu einem Ausstieg aus der ganzen Geschichte.

Wie oft gelingt das?

Schneider: Das ist schwer. Die jahrelangen Drogenabhängigen, die wir teilweise im betreuten Wohnen haben, werden bis ans Lebensende konsumieren. Sie werden immer älter. Auch im Konsumraum haben wir die ältere Generation, über 50, an die 60. Irgendwann werden sie zu Pflegefällen. Man muss sich Gedanken über Pflegeeinrichtungen machen, wo konsumiert oder substituiert werden kann.

Wie viel Geld braucht ein Drogensüchtiger dafür?

Schneider: Schwer zu sagen. Auf dem Markt wird gepanscht und gestreckt. Das ist das eigentliche Problem, dass sie sich Abszesse holen, sich mit Hepatitis C oder Aids infizieren. Wir wollen, dass sie immer cleanes Spritzbesteck benutzen. Zehn bis 15 Euro pro Tag brauchen die mit Sicherheit. Wir stellen fest, ab Mitte des Monats, wenn das Geld weg ist, ist Engpass. Dann wird versucht, Ausweichdrogen zu konsumieren. Es gibt da alles, Tabletten, Barbiturate, Benzodiazipine.

Es gibt Kommunen, die Heroin frei ausgeben, was sagen sie dazu?

Schneider: Das ist sehr teuer für die Kommunen, aber man könnte damit die Kriminalität der Süchtigen eindämmen. Doch es muss psychosozial begleitet werden.

Gibt es alternative Standort für die Szene?

Schneider: Wie sollen die aussehen? Man kann nicht sagen, wir holen euch mit dem Bus ab, dann geht es in die Rieselfelder. Die Leute sind da, wo Leben ist, wo Bahnhofsumfeld ist. Das ist in jeder Stadt so. Sie gehören zum Stadtbild.

Wie kann man das erträglicher gestalten?

Schneider: Tolerieren, dass die Szene da ist. Das kann aber nicht mehr sein, wenn die Pergola abgebaut wird und Parkplätze entstehen. Ich habe sonst keine Idee. Das Problem wird auch sein, dass unsere Einrichtung nicht mehr so leicht aufgesucht werden kann. Dann wird mehr draußen konsumiert. Und es gibt mehr Spritzenfunde – schon heute rufen uns deshalb jeden Tag die Nachbarn an.

https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/4693632?categorypath=%2F2%2F2669082%2F2670173%2F2686135%2F2686808%2F2686822%2F
Vorfreude auf den Demo-Tag
Selmar Ibrahimovic, hat die Demo in Warendorf mitorganisiert.
Nachrichten-Ticker