Universitäts-Rektorin Ursula Nelles tritt ab In die Politik geht sie nicht

Münster -

In wenigen Tagen nimmt Uni-Rektorin Ursula Nelles ihren Hut. Im Interview zieht sie Bilanz.

„Es ist uns gelungen, viele unserer Interessen durchzusetzen“, sagt die scheidende Uni-Rektorin Ursula Nelles über ihre Amtszeit.
„Es ist uns gelungen, viele unserer Interessen durchzusetzen“, sagt die scheidende Uni-Rektorin Ursula Nelles über ihre Amtszeit. Foto: Oliver Werner

Am 30. September räumt Prof. Dr. Ursula Nelles als Rektorin der Universität ihr Dienstzimmer im Schloss. Die 66-jährige Rechtswissenschaftlerin war zehn Jahre und damit länger als all ihre Vorgänger in der 236-jährigen Geschichte der Hochschule im Amt. Ihr Nachfolger, der Physiker Prof. Johannes Wessels , hat sich bereits für neues Mobiliar im Rektoratsbüro entschieden, denn Ursula Nelles wird ihren selbst angeschafften pinkfarbenen Schreibtisch ebenso mitnehmen wie die dazu passenden Stühle. „Mein erster Lehrstuhl“, wie sie im Interview mit unserer Redakteurin Karin Völker scherzt.

Man hört immer wieder, dass Professor an einer staatlichen deutschen Universität durch seine Sicherheit und Freiheit der schönste aller Berufe ist. Ist Universitäts-Rektorin noch schöner?

Nelles: Das kann man nicht vergleichen. Als Wissenschaftlerin ist man frei in der Forschung, aber mit der Arbeit nie fertig. Es gibt nur Langzeitaufgaben. Im Rektorat arbeitet man dagegen Projekt für Projekt ab – zwischendurch geht es zudem immer wieder darum, schnell Lösungen zu finden. Anfangs hat mir als Rektorin der Kontakt zu den Studierenden in Lehrveranstaltungen gefehlt. Ich habe es deswegen nach zwei Jahren mit einer Lehrveranstaltung versucht, aber schnell gemerkt, dass es unmöglich ist, neben dem Rektoratsposten in der Lehre aktiv zu sein.

Würden Sie als Rektorin noch weitermachen, wenn es möglich wäre?

Nelles: Man hat mir angeboten, weitere vier Jahre die WWU zu leiten. Ich bin aber davon überzeugt, dass jetzt der richtige Zeitpunkt ist, um aufzuhören. Es war eine ebenso anstrengende wie interessante Dekade. Zudem habe ich die meisten Ziele, die ich mir gesteckt habe, erreicht.

Wie würden Sie die WWU charakterisieren, die Sie ihrem Nachfolger hinterlassen?

Nelles: Als das Fachmagazin „Nature“ uns neulich darüber informiert hat, dass es uns als „rising star“, also als einen aufstrebenden Stern, bewertet, dachte ich mir sofort: Das ist die genau richtige Beschreibung. Die WWU hat sich in den vergangenen Jahren zu einem lebendigen Biotop entwickelt, und zwar auf allen Ebenen – in der Forschung, in der Lehre und in der Weiterbildung. Davon profitieren alle: die Wissenschaftler, die Beschäftigten, die Studierenden, aber auch die Stadt Münster insgesamt. Wir haben beispielsweise beschlossen, in Nachbarschaft des Schlosses ein Haus der Studierenden zu konzipieren, in dem die Studierenden künftig alle Services unter einem Dach vorfinden werden. Ich bin mir sicher, dass die WWU damit ihren Ruf als attraktiven Studienort festigen wird.

Kommen die Studierenden heute besser durch das Studium an der WWU als vor zehn Jahren?

Nelles: Das lässt sich schwer in zwei, drei Sätzen beantworten. Ein entscheidender Einschnitt war sicher die 1999 beschlossene Bologna-Reform , also die Umstellung der Studiengänge auf Bachelor- und Masterabschlüsse. Bei solch großen Umwälzungen passieren anfangs Fehler. Man ist möglicherweise zu ehrgeizig beziehungsweise zu bereitwillig, die Dinge möglichst schnell umzusetzen. Auch wir mussten dazulernen. Aber inzwischen sind die Abläufe pragmatischer und routinierter – was den Studierenden zugutekommt.

Seitdem die Studienbeiträge abgeschafft wurden, erhalten die Universitäten als Kompensation die Qualitätsverbesserungsmittel vom Land. Verbessert das Geld die Situation der Studierenden?

Nelles: Definitiv, denn es sind die Studierenden selbst, die ein entscheidendes Wort darüber mitzureden haben, wie wir das Geld einsetzen. Die WWU hat darüber hinaus in den vergangenen Jahren erfolgreich an verschiedenen Wettbewerben teilgenommen – beim Qualitätspakt Lehre liegen wir beispielsweise in der Fördersumme bundesweit auf Platz eins. Mit dem Geld haben wir zahlreiche neue Stellen geschaffen, um die sogenannte Betreuungsrelation zwischen Dozenten und Studierenden zu verbessern. Wir haben zudem ein Zen­trum für Hochschullehre geschaffen, mit dem wir allen Wissenschaftlern die Möglichkeit bieten, ihre Lehr-Qualität kontinuierlich zu verbessern. Schließlich legen wir großen Wert darauf, die Organisation der rund 250 Studiengänge kontinuierlich zu optimieren. Kurzum: Die Studierenden können sich auf ideale Studienbedingungen verlassen.

Die Auswirkungen des doppelten Abiturjahrgangs waren für die WWU am Ende weniger dramatisch als zuvor befürchtet . . .

Nelles: Bei uns war es jedenfalls so. Aus einem einfachen Grund: Wir haben uns intensiv darauf vorbereitet. Wir hatten beispielsweise pünktlich zum damaligen Semesterstart die Renovierung des größten Hörsaals im Schloss abgeschlossen und gleichzeitig ein neues Seminargebäude eröffnet. Zuvor hatten wir bereits alle Gebäude auf mögliche Raumreserven überprüft. Wir haben zudem rechtzeitig mehr Lehrpersonal eingestellt. Wir haben schließlich nur so viele Bewerber zugelassen, für die wir ein gut organisiertes Studium gewährleisten können. Das haben nicht alle Hochschulen so praktiziert, weil sie wussten, dass sie für jeden zusätzlichen Studierenden zusätzliches Geld bekommen. Wir halten es ohnehin für wesentlich sinnvoller, den Erfolg einer Universität an der Zahl der Absolventen zu bemessen.

In Sachen Forschung bekommt die Universität deutlich mehr Fördermittel als vor zehn Jahren. Wie sieht die Bilanz hier aus?

Nelles: Gut. Wir haben im vergangenen Jahr 140 Millionen Euro an sogenannten Drittmitteln erhalten, ungefähr doppelt so viel wie 2007. Das ist einerseits erfreulich, weil es ein Beleg für die wissenschaftliche Qualität der WWU ist. Andererseits ist die Steigerung der Drittmittel-Einnahmen schlicht und einfach notwendig, da die Grundfinanzierung der deutschen Universitäten nach wie vor unzureichend ist.

Bei der Exzellenzinitiative war die Universität mit zwei Exzellenzclustern, für eine Runde mit einer Graduiertenschule erfolgreich. Sind sie mit dem Abschneiden zufrieden?

Nelles: Ja, denn man darf nicht vergessen, dass die Universität Münster in der ersten Runde im Jahr 2006 leer ausgegangen war. Unsere beiden Exzellenzcluster „Religion und Politik“ und „Cells in Motion“ sind weit über Deutschland hinaus anerkannt. Und dass 14 unserer 15 Fachbereiche an einem der beiden Cluster beteiligt sind, zeigt, dass die Universität Münster auch in der Breite Spitzenqualität anbietet.

Was hat die Exzellenzinitiative nach ihrer Ansicht für die WWU und für die deutschen Hochschulen insgesamt gebracht?

Nelles: Ziel war es, die Spitzenforschung im internationalen Vergleich zu stärken. Meiner Beobachtung nach ist das gelungen, die Sichtbarkeit der deutschen Wissenschaft hat sich verbessert. Dieser Wettbewerb hat auch die Universitäten dazu gezwungen, sich der eigenen Stärken zu versichern und auf die Stärkung eben dieser Stärken in Zukunft besonderen Wert zu legen. Auch die WWU hat durch die Exzellenzinitiative einen neuen Schub bekommen. Das spüren wir beispielsweise daran, dass es uns in den vergangenen Jahren mehrfach gelungen ist, internationale Spitzenforscherinnen und -forscher nach Münster zu locken.

Es gibt Stimmen in der Wissenschaft, die kritisieren, dass mit der Exzellenzinitiative Anträge belohnt werden, nicht aber tatsächliche geleistete Forschung . . .

Nelles: Die Kritik teile ich nur in Bezug auf die dritte Förderlinie, bei der die Hochschulen Zukunftskonzepte einreichen mussten, um als sogenannte Elite-Universität gefördert zu werden. Diese Konzepte enthielten reine Zukunftsmusik, oder anders formuliert: Belohnt wurde, wer die schönsten Hochglanzbroschüren eingereicht hatte. Um ein Exzellenzcluster gefördert zu bekommen, mussten die Hochschulen dagegen belegen, was sie bereits geleistet haben, was sie aktuell aufbieten und welche vielversprechenden Forschungsansätze sie in Zukunft verfolgen wollen.

Die WWU hat dennoch bei der dritten Förderrichtlinie mitgemacht . . .

Nelles: Natürlich, man darf keine Fördermöglichkeit auslassen. Wer es nicht versucht, hat schon verloren. Unser damaliges Konzept für die dritte Förderlinie einer sich evolutionär entwickelnden Hochschule wurde nicht berücksichtigt, ich halte es aber nach wie vor für richtig und überzeugend. Es war jedenfalls unser Konzept für die Arbeit im Rektorat: Man muss Arbeitsbedingungen schaffen, unter denen Wissenschaftler gern arbeiten. Intransparenz und Bürokratie sind dabei die größten Hindernisse. Auf Direktiven und Anweisungen reagiert ein System, das auf Freiheit von Forschung und Lehre basiert, zu Recht allergisch.

Sie haben die Universität öfters als Flottenverband bezeichnet, viele einzelne Schiffe, die letztlich in eine Richtung schwimmen. Was braucht man, um ein so großes, dezentrales Gebilde wie die WWU zu führen?

Nelles: Vor allem Fairness, Transparenz und Verlässlichkeit. Die Entscheidungen müssen nachvollziehbar sein, auch wenn sie nicht jedem gefallen. Und wenn die Entscheidung nach einer hinreichend langen Debatte gefallen ist, dann muss man diese Entscheidung auch eisenhart durchziehen. Man darf nicht wackeln. Im Verhältnis zu den 15 Fachbereichen habe ich immer den klassischen preußischen Dienstweg eingehalten: Es wird keine für die Fachbereiche relevante Entscheidung gefällt, ohne dass die Dekane als die Hauptverantwortlichen darüber vorab informiert wurden und ihre Meinung eingeholt wurde.

Eine andere Ebene der Führung ist die Vertretung der Interessen gegenüber der Politik. Gibt e da ein Rezept?

Nelles: Es ist wichtig, die generelle Motivation von Politikern zu berücksichtigen: In der Politik geht es um Macht, die Währung dafür sind Mehrheiten. In der Wissenschaft geht es dagegen um Wahrheit, die Währung ist Reputation. Politiker engagieren sich unter anderem für Wissenschaft und Bildung, weil sie sich davon Mehrheiten versprechen. Diese Logik muss man in der Kommunikation mit Politikern berücksichtigen. Mit Sachargumenten auf der eigenen Ebene kommt man nicht weit, man muss die eigenen Bedürfnisse in die Sprache der Politik übersetzen.

Wie sieht ihre Bilanz mit zwei unterschiedlich orientierten Landesregierungen aus?

Nelles: Es ist uns gelungen, viele unserer Interessen durchzusetzen. Der Einfluss des Hochschulstandortes Münster ist jedenfalls nicht zu unterschätzen, wir haben eine starke Position im Land.

Ihnen ist selbst nach der Landtagswahl 2010 das Amt der Wissenschaftsministerin angetragen worden. War das nicht reizvoll?

Nelles: Ich habe in meiner Laufbahn fünf derartige Angebote bekommen, und ich habe sie alle abgelehnt. Ein Minister hat im System Politik maximal zwei ,Würfe‘ in Form von Gesetzesvorschlägen frei. Hinzu kommt, dass es rund zehn Jahre dauert, bis ein Gesetz seine volle Wirkung entfaltet. Für all das bin ich einfach zu ungeduldig. Als Rektorin konnte ich viel mehr gestalten.

Das heißt, wir werden Sie auch künftig nicht als Politikerin erleben . . .

Nelles: Sicher nicht.

Dürfen sich denn die Studierenden wieder auf Vorlesungen im Strafrecht von Professorin Nelles freuen?

Nelles : Nein. Ich bin seit zehn Jahren nicht mehr im aktiven Lehrbetrieb. Es würde mehrere Jahre dauern, bis ich wieder auf dem aktuellen Stand wäre. Das treibt mich aber keineswegs um, denn ich bin mir sicher, dass ich auch nach dem 30. September keine Langeweile haben werde. Ich habe mir sagen lassen, dass man die ersten sieben Angebote nach dem Ausscheiden aus einem Amt ablehnen soll. Dann hat man genug Freiheit, eine gute Entscheidung zu treffen. Ich will nicht den Fehler machen, mich sofort für andere Aufgaben zu verpflichten, nur aus Angst davor, in ein Loch zu fallen. Ich war in den letzten zehn Jahren durchgehend an mindestens vier von sieben Abenden dienstlich verpflichtet – jetzt freue ich mich auch auf das Leben außerhalb des Jobs.

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