Interview mit dem ADFC-Radverkehrsexperten Elmar Post
Dürfen Radler auch bei Rot?

Münster -

Dort, wo es nicht kritisch ist, sollten Radfahrer trotz roter Ampel rechts abbiegen dürfen, meint der Allgemeine Deutsche Fahrrad Club und spricht sich für einen Pilotversuch in Münster aus.

Sonntag, 17.07.2016, 11:30 Uhr aktualisiert: 18.07.2016, 07:56 Uhr
In der Leezenküche der ADFC an der Dortmunder Straße schraubt Elmar Post nicht nur an den Drahteseln, sondern informiert auch über aktuelle Fragen der Verkehrssicherheit. Foto: hpe

Der Vorschlag des grünen Politikers Dieter Janecek, rote Ampeln generell für Fahrradfahrer freizugeben, stößt in der Leezen-Hauptstadt Münster auf eine eher überschaubare Resonanz. Während sich die Polizei generell aus politischen Themen raushält und zumindest offiziell keine Meinung dazu hat, gibt es zaghaft Kritik von Eltern und etwas Zustimmung von Radfahrern.

Unser Redakteur Helmut P. Etzkorn sprach mit Elmar Post (64), Radverkehrs-Experte beim Allgemeinen Deutschen Fahrrad Club (ADFC) in Münster, über dieses brisante und andere, nicht minder wichtige Radler-Themen.

Was sagt der ADFC zur freien Fahrt für Radler trotz roter Ampel?

Post: Das freie Rechtsabbiegen an geeigneten, unkritischen Kreuzungen sollte getestet werden. Schließlich haben Autofahrer ja auch an manchen Ecken einen grünen Pfeil und dürfen trotz Rotlichts abbiegen. Zudem gibt es viele Knotenpunkte, wo Radler nur von dem einen auf den anderen Radweg abbiegen, da sind Ampeln entbehrlich. Generell führt weniger Rotlicht-Warterei natürlich dazu, dass der Radverkehr zügiger fließt und so attraktiver wird.

Es gibt aber Kritik besonders von Eltern, weil ihre Kinder noch unsicher im Verkehr unterwegs sind und eigentlich lernen sollen, bei Rotlicht anzuhalten. Was sagen Sie dazu?

Post: Stimmt. Deshalb wollen wir ja auch nicht generell eine Rotlicht-Fahrerlaubnis für Radler. In anderen Metropolen werden solche Rotlicht-Ausnahmeregelungen an geeigneten Kreuzungen schon praktiziert und es funktioniert.

Absehen von der aktuellen Rotlichtfrage, die vielleicht ja auch dem Sommerloch geschuldet ist. Welche wirklich wichtigen Probleme beschäftigen aktuell den ADFC in Münster?

Post: Sorge machen uns besonders die vielen Baustellen. Oft ist die Beschilderung für Radler nicht optimal und sie haben noch weniger Verkehrsraum, als ohnehin vorhanden. Der Sicherheitsabstand zu den links fahrenden und rechts parkenden Autos kann vom Radler nur noch selten eingehalten werden.

Was kann man tun, um den Radfahrern hier mehr Sicherheit bieten zu können?

Post: Die Autoindustrie müsste alle Fahrzeuge mit den technisch unproblematisch realisierbaren Türwarnern ausrüsten. Der Fahrer kriegt ein akustisches Signal, wenn er die Tür öffnen will und neben ihm ein Radfahrer unterwegs ist. Natürlich fordern wir breitere Radwege. Der Verkehrsraum muss konsequent neu zugunsten von Radfahrern und Fußgängern aufgeteilt werden.

Münsters Fahrrad-ABC: Von A wie Ampel bis Z wie Zeit

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    Alle Jahre wieder, zum Start des Wintersemesters, ist die Zeit der Frischlinge auf den Radwegen. Mit den neuen Studentinnen und Studenten erobern Tausende Neumünsteraner für sich die deutsche Fahrradhauptstadt. Für viele eine mitunter abenteuerliche Begleiterfahrung des Studienstarts. Hier für die Anfänger auf den Radwegen und alle Leezenliebhaber ein kleines Alphabet des Radverkehrs in Münster von unserer Redakteurin Karin Völker.

    Foto: dpa
  • A wie Ampel: Unbedingt beachten! Ampeln haben in Münster für Fahrradfahrer nicht bloß Empfehlungscharakter. Bei Rot also besser stehenbleiben. Erstens, weil alles andere gefährlich sein kann. Zweitens, weil als Strafe ein Punkt in der Flensburger Verkehrssünderkartei und 100 Euro Strafe drohen. Sehr empfindlich fürs studentische Portemonnaie.

    Foto: Colourbox.de
  • B wie Bürgersteig: Er ist in Münster den Fußgängern vorbehalten. Es gibt ja auch meistens Radwege.

    Foto: Colourbox.de
  • C wie cholerische Anfälle: Sie sind trotz des hier verbreiteten gemäßigten westfälischen Temperaments bei diversen Verkehrsteilnehmern bisweilen zu beobachten. Gilt das Geschimpfe einem selbst, am besten die Ruhe bewahren.

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  • D wie Diskussionen: Sollte man als Fahrradfahrer besser mit anderen Verkehrsteilnehmern nicht anfangen, erst recht nicht mit Polizisten. Diskussionen über die Sinnhaftigkeit von Verkehrsregeln sind zwecklos.

    Foto: Colourbox.de
  • E wie E-Bike: Das Fahrrad mit Batterieverstärkung ist auf Münsters Radwegen schwer im Kommen. Vorsicht vor dem beachtlichen Tempo – wenn sportliche junge Menschen von älteren Herrschaften überholt werden, ist oft ein Akku im Spiel.

    Foto: Oliver Werner
  • F wie Fußgänger: Sie verdienen Rücksicht und Freundlichkeit – auch wenn es mitunter erscheint, die Fußgänger liefen prinzipiell auf Radwegen.

    Foto: Colourbox.de
  • G wie Geschwindigkeit: Tempo 30 in Wohngebieten gilt auch für Radler!

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  • H wie Hamburger Tunnel: Er ist während des Bahnhofsumbaus zentrale Verkehrsachse von und zum Gleis und Ort der friedlichen Koexistenz zwischen Fußgängern und Fahrradfahrern.  Skeptiker staunen: Es funktioniert.

    Foto: Matthias Ahlke
  • I wie Irren: Es ist menschlich und kommt bei allen Verkehrsteilnehmern vor. Auch wenn das Fahrrad bewegungsfördernder und umweltfreundlicher ist als das Auto: Auch Autofahrer haben im Verkehr manchmal Recht.

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  • J wie Jugend: Das Radfahren in Münster ist keineswegs nur ihr Privileg. In Münster strampeln  auch viele über 80-Jährige noch durch die Stadt. Fahrradfahren ist hier eine generationsübergreifende Angelegenheit – mit vielen Geschwindigkeiten.

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  • K wie Klauen: Der Fahrradklau ist in Münster ein verbreitetes Übel, das die Stadt in der Kriminalitätsstatistik regelmäßig schlecht aussehen lässt. Ein wenig helfen solide Schlösser.

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  • L wie Ludgerikreisel: Für viele Radler ein neuralgischer Punkt. Die Polizei empfiehlt: beherzt auf der Mitte der Spur fahren. Autos kommen meistens auch nicht schneller vorwärts als Radler.

    Foto: Oliver Werner
  • M wie Meimel: Ein münsterischer Ausdruck für Regen – und zwar dessen langanhaltende Form, und damit einer der natürlichen Feinde des Fahrradfahrers. Trotz häufiger Meimelgefahr lässt man sich in Münster nicht so leicht aus dem Sattel vertreiben. Viele auch nicht durch Schnee und Frost: Es gibt hier extra Streufahrzeuge für die Radwege.

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  • N wie Nase: Sie hat der Radfahrer immer im Wind. Nicht ausgeschlossen, dass im Winter dabei mal eine Erkältung rauskommt. Aber was gibt es Schöneres, als im Frühling unter den blühenden Silberlinden auf der Promenade herzuradeln? 

    Foto: Colourbox.de
  • O wie Ordnungshüter: Die Kräfte von Stadt und Polizei schenken dem Radverkehr sehr viel Aufmerksamkeit, besonders zu Semesterbeginn. 

    Foto: Klaus Wiedau
  • P wie Parken: In Münster bisweilen auch für Fahrradfahrer nicht unproblematisch. Merke: Bürgersteige  gehören nicht zugestellt und immer merken, wo das Rad steht. Es soll Studenten geben, die ihre Leezen semesterlang gesucht haben.

    Foto: Colourbox.de
  • Q wie Quälerei: Kommt sogar im Fahrradparadies Münster vor – vor allem immer dann, wenn man Pannen hat.  Zum Glück gibt es an fast jeder Ecke einen Fahrradladen, der helfen kann.

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  • R wie Rücklicht: Sollte unbedingt ebenso wie das Vorderlicht funktionieren. Wenn man nicht selbst kontrolliert, ob es brennt – die Polizei tut es ohnehin und verteilt gegebenenfalls Knöllchen.

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  • S wie Stau: Gibt es in Münster, speziell während der Semesterzeiten auch auf Radwegen. Hier hilft nur Geduld.

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  • T wie Trunkenheit: Auch wer sich noch mit 1,6 Promille Alkohol im Blut für fahrtüchtig hält: Lieber das Rad schieben! Denn auch Fahrradfahrer erwarten Alkoholkontrollen durch die hiesige Polizei. Kein Scherz: Im Extremfall werden Fahrradfahrverbote verhängt.

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  • U wie Unfälle: Sie passieren leider – trotz vieler Maßnahmen der Verkehrsplaner und Polizei immer noch zu häufig. Ein Helm kann manchmal das Schlimmste verhindern. 

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  • V wie Vorsicht: Auch defensive Radfahrer kommen ans Ziel, mitunter sogar schneller als die Draufgänger.

    Foto: Colourbox.de
  • W wie Waschanlage: Luxus, wenn man seinem Drahtesel mal was Gutes will. Gibt es tatsächlich speziell für Fahrräder – im Fahrradparkhaus am Bahnhof.

    Foto: Presseamt/Joachim Busch
  • X&Y sind die Unbekannten und stehen für das Unerwartete beim Radfahren – zum Glück ist das nicht nur der plötzliche Plattfuß. Es gibt auch den Flirt beim Warten an der roten Fahrradampel. . .

    Foto: Colourbox.de
  • Z wie Zeit: Wer in Münster Rad fährt, spart meistens kostbare Minuten. Faustregel: Je näher man sich im Stadtkern bewegt, desto größer die Zeitersparnis. Autofahrer kommen fast immer langsamer ans Ziel.

    Foto: Colourbox.de

Stadtweit sieht man jetzt an fast allen großen Kreuzungen Verkehrsspiegel. Hat diese Präventionsaktion gegen den Toten Winkel etwas gebracht?

Post: Sie sind eine Hilfe, mehr aber auch nicht. Ein Radfahrer darf sich nicht drauf verlassen, dass er vom abbiegenden Lastwagenfahrer wirklich gesehen wird. Dabei ist die Botschaft der städtischen Verkehrsprävention beispielsweise in Kinospots irreführend. Radler sollen demnach immer vorsichtig sein und lieber zurückstecken. Genau das wäre aber ein Freibrief für Autofahrer, gar keine Rücksicht mehr auf Schwächere zu nehmen. Wenn ein Lkw-Fahrer beim Abbiegen den Radweg nicht einsehen kann, muss er sich im Schritttempo vortasten. Im Verkehr darf nicht gelten, dass der Schwächere trotz Vorfahrt nachgeben muss.

Die City soll versuchsweise eine große Tempo 30-Zone werden. Hilft das der Fahrradlobby?

Post: Auf jeden Fall. Wer 30 km/h fährt, kann schneller bremsen. Das erhöht die Sicherheit von Radlern und Fußgängern. Zudem geht der Tempovorteil, den das Auto manchmal noch gegenüber dem Rad hat, endgültig verloren. Mit der Folge, das mehr Leute aufs Rad umsteigen.

Jetzt im Sommer häufen sich die Polizeimeldungen, in denen von betrunkenen Radfahrern die Rede ist. Brauchen wir eine Null-Promille-Grenze auch für Radfahrer?

Post: Nein, ein Unterschied zum Auto muss schon da sein. Aber wir sagen auch deutlich, dass man volltrunken nicht mehr radeln darf. Da muss jeder seine Grenzen kennen und im Zweifel die Leeze stehen lassen. Das gilt auch für die Nutzung des Smartphones. Es gehört während der Fahrt definitiv in die Tasche.

Immer mehr Senioren kaufen sich ein Pedelec und viele verunglücken damit schwer. Was tut der ADFC für diese Personengruppe?

Post: Wir bieten Schulungen und Kaufberatungen an. Gefährdet sind besonders Menschen, die schon lange nicht mehr Rad gefahren sind. Bremswirkung und Fahrverhalten sind beim Elektrofahrrad anders. Das muss man trainieren.

Radfahrer beklagen Schwachstellen

Viele Radfahrer beklagen zahlreiche Schwachstellen in Münster, die sie nerven. Der Ludgerikreisel, Wolbecker Straße, Hammer Straße, fehlende Abstellmöglichkeiten, unvorteilhafte Ampelschaltungen – die Liste der angegebenen Unzulänglichkeiten ließe sich noch lange fortsetzen. Wir haben sie auf einer Karte gesammelt:

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