Werkschau zum 75. Geburtstag von Erhard Wilde im Haus der Niederlande Ein mutiger Maler zeigt sich

Münster -

Erhard Wilde ist mutig. Denn er zeigt sich. Mehr noch. Er lässt los, sich fallen, überlässt sich seiner Kunst. Und ist selbst vom Ergebnis überrascht. Vor 25 Jahren hat der ausgebildete Kartograph seine handwerklichen Pfade verlassen und sich auf den Weg der Kunst gemacht. Welche bemerkenswerte Entwicklung der gebürtige Schlesier dabei genommen hat, zeigt eine Ausstellung des Kulturamtes im Krameramtshaus mit 44 Grafiken und gut ein Dutzend Objekten.

Von Gerhard Heinrich Kock
Seine Vergangenheit als Kartograph ist vor allem den frühen Arbeiten von Erhard Wilde anzusehen.
Seine Vergangenheit als Kartograph ist vor allem den frühen Arbeiten von Erhard Wilde anzusehen. Foto: Gerhard H. Kock

„Kartographen, Lithographen und Kupferstecher waren meine Lehrmeister.“ Sagt der Münsteraner, und das zeigen seine frühen Arbeiten sehr deutlich. Das Kalligraphische als Ornament, als Fläche prägen die Arbeiten. Und zugleich ist mehr und mehr ein inhaltlicher Bezug zum Künstler spürbar und zum Teil lesbar. Wilde: „Ich gebe meinen Gefühlen Farben, Linien und eine Form oder ein Symbol.“

Wildes Methode erinnert an das „automatische Schreiben“ der Surrealisten, nur eben mit dem Pinsel oder Stift: „Es gibt einen Beginn auf dem Blatt.“ Und im zeichnerischen oder malerischen Prozess „muss alles fließen“. „Alles ist unbewusst. Meine Arbeiten sind nicht zu durchschauen.“ Vielleicht im Letzten nicht einmal für den Künstler selbst.

Erhard Wilde zeigt hier auch die erste künstlerische Arbeit von 1989 – ein Wimmelbild, in dem runde Formen und Linien Figuren bilden, Augen, Hähne, Gesichter, Masken, Insekten, Teufel, Molekülketten. Ein schwall­artiger Ausbruch von Kreativität; eine künstlerische Existenz will ans Licht.

Wildes Arbeiten sind aber weit mehr als die Stimmungsbilder eines Künstlers, der sich von seinen Gemütszuständen befreien möchte. Der Münsteraner nimmt die Welt in sich auf, und in ihm wird sie zu Bildern, die er auf Papier bringt. Das kann auch politisch werden: Auf einem Blatt drückt ein aufgeplusterter tumber Muskelprotz zwei kleine Tiere herunter, eine Bombe fällt. Über einem Stacheldraht-Zaun steht „Immer nur Krieg und Unterdrückung“ geschrieben – wie ein Stoßseufzer.

„Blindes Huhn auf der Körnerspur“ zeigt das Tier beim Picken seltsamer Samen, in ihm rumort es bunt, und am Ende fällt ein stacheliges Ei heraus, das auch als Seemine gedeutet werden kann: Schemenhaft ist ein Mensch zu sehen, Adressat der Moral: Schau hin, was Du aufnimmst. Manches ist schwer verdaulich, und am Ende kommt Schlimmes dabei heraus. Aber auch Witz ist in Wilde: Seine Bilder „Rügen I“ und „Rügen II“ zeigen nicht nur seine beiden Seiten (den geordneten Kartographen und den wilden Künstler), sondern auch seinen Humor. Im wimmeligen Chaos des zweiten Bildes sind Sätze geschrieben: „Die Frau am Gelege ist nur im Wege. Sprach die Möwe“ und daneben: „Es ist gut, ein bisschen zu blödeln.“

Zum Thema

Die Ausstellung wird am Donnerstag (21. Januar) um 18 Uhr im Krameramtshaus, Alter Steinweg 6/7, von Bürgermeisterin Beate ­Vilhjalmsson eröffnet.

http://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/3748798?categorypath=%2F2%2F2669082%2F2670173%2F2686135%2F2686808%2F2686822%2F