Der Münsteraner Peter Buyer berichtet aus Istanbul „Man sieht Polizei ohne Ende“

Münster -

Seine Frau hörte den Knall, er sah die Folgen des Anschlags in Istanbul: der gebürtige Münsteraner Peter Buyer, der in der Metropole am Bosporus lebt, im Interview.

Die türkische Polizei ist nach dem Anschlag vom 12. Januar in der Altstadt von Istanbul, hier unweit der Sultan-Ahmed-Moschee, der „Blauen Moschee“, sehr präsent.
Die türkische Polizei ist nach dem Anschlag vom 12. Januar in der Altstadt von Istanbul, hier unweit der Sultan-Ahmed-Moschee, der „Blauen Moschee“, sehr präsent. Foto: AFP/Ozan Kose

Peter Buyer ist gebürtiger Münsteraner und lebt mit seiner Frau und zwei kleinen Kindern seit zweieinhalb Jahren in der 20-Millionen-Einwohner-Metropole Istanbul. Der Journalist berichtet von dort für deutsche Medien. Mit ihm sprach unser Redakteur Markus Kampmann über den Anschlag in Istanbul und die Flüchtlingssituation in der Türkei.

Was hat Sie nach Istanbul gezogen?

Peter Buyer: Zu allererst die Neugier auf etwas anderes. Das war relativ einfach: Meine Frau ist Lehrerin und hat sich für ein paar Jahre ins Ausland abordnen lassen. Wir haben uns für Istanbul entschieden. Wir haben zwei kleine Kinder, da sind Oma und Opa nicht so weit weg wie zum Beispiel im Osten Asiens. Und dieser europäische und orientalische Mix ist unglaublich interessant.

Haben Sie den Anschlag unweit der Hagia Sophia mitbekommen?

Buyer: Ich habe direkt nichts mitbekommen. Erst als meine Frau angerufen hat. Sie hörte den Knall. Die Schule, an der sie arbeitet, liegt etwa 200 Meter vom Anschlagsort entfernt.

Wie hat der Terrorakt Istanbul verändert?

Buyer: In der Altstadt ist noch weniger los als ohnehin im Januar, dem touristisch schwächsten Monat. Am Tag danach war kaum ein Tourist draußen. Im Moment sieht man Polizei ohne Ende in der Altstadt, mit Maschinenpistolen, richtig schwer bewaffnet.

Der Anschlag sollte offenbar gezielt den Tourismus treffen. Mit Erfolg?

Buyer: Das muss man noch abwarten. Ich habe mit einigen Hoteliers gesprochen. Die sagten, einige Gäste seien abgereist, aber große Stornierungen habe es nicht gegeben. Ich denke aber schon, dass es dem Tourismus schaden wird. Aus der Ferne wirkt Istanbul wahrscheinlich unsicherer, als wir es hier vor Ort empfinden.

Sie fühlen sich also sicher?

Buyer: Wir fühlen uns immer noch sicher, wobei man natürlich schon öfter daran denkt. Es macht einen Unterschied, ob man von dem Anschlag in der Zeitung liest oder hier wohnt. Wir haben den ganz normalen Alltag. Hinzu kommt, dass wir nicht in der Altstadt wohnen, sondern auf der anderen Seite des Bosporus, auf der asiatischen Seite, in einem ganz normalen Wohnviertel. Hier gibt es auch keine Polizei. Und passieren kann so etwas auch in jeder anderen Stadt, das hat man ja in Paris gesehen.

In Deutschland beginnt die Stimmung in der Flüchtlingsfrage zu kippen. Wie ist die Situation in der Türkei, die ja immerhin rund 2,2 Millionen Flüchtlinge alleine aus Syrien aufgenommen hat?

Buyer: Die Zahl kann man schlecht einschätzen, es gibt als Quelle nur die Regierung. Aber die Stimmung ist hier eine ganz andere. Es gibt keine große Debatte, ob man die Flüchtlinge aufnehmen sollte oder nicht. Aber die Situation ist auch eine andere als in Deutschland. Die Flüchtlinge können gerne kommen, aber dann werden sie mehr oder weniger sich selbst überlassen.

Wie bewältigt das Land diese Herausforderung? Wo werden die Flüchtlinge untergebracht?

Buyer: Es gibt an der syrischen Grenze einige richtig große Lager mit 100 000 Menschen. Viele andere sind über das Land verteilt, selbst in der tiefsten anatolischen Provinz. An jeder Kleinstadt, selbst bei Dörfern, gibt es Zeltstädte, in denen Flüchtlinge leben. Der Rote Halbmond und andere Hilfsorganisationen kümmern sich um sie, auch einige UN-Zelte und -Wagen haben wir gesehen. Dort bekommen die Flüchtlinge vielleicht etwas zu essen. Aber sie bekommen keine Geldunterstützung vom Staat, und es kümmert sich auch niemand darum, dass sie eine feste Unterkunft bekommen. Integration wird hier eigentlich gar nicht probiert. Es gibt inzwischen aber einige Schulversuche. In Istanbul ist die Lage eine andere: Hier sollen alleine bis zu einer Million Syrer leben, aber sie werden von der riesigen Stadt geschluckt. Sie fallen nicht so auf, und hier ist es auch leichter für sie, Arbeit zu finden. Es gibt einen großen inoffiziellen Arbeitsmarkt.

Sind die vielen Flüchtlinge ein Problem für die Bevölkerung?

Buyer: Es wird schon mal darüber gesprochen, wie viele noch kommen sollen. Aber im Großen und Ganzen nein. Das liegt vielleicht auch daran, dass der Staat da kein großes Geld hineinpumpt.

Die Bundesregierung und die Europäische Union setzen bei der Begrenzung des Flüchtlings-Zuzugs vor allem auf die Türkei. Wie wird das am Bosporus aufgenommen?

Buyer: Das wird in den türkischen Medien ein bisschen belächelt. Man fühlte sich nicht so richtig ernst genommen von Deutschland und Europa. Aber jetzt in der Flüchtlingsfrage setzen sie auf Wiederannäherung. Das kommt in der breiten Masse nicht so gut an. Das ist aber für die Presse in der Türkei eher ein Nebenthema. Die beherrscht ganz andere Themen.

Welche?

Buyer: Den Bürgerkrieg in Kurdistan zum Beispiel. Da sterben tagtäglich Menschen in den südöstlichen Provinzen. Das ist gerade das zen­trale Problem der türkischen Politik. Natürlich auch der Krieg in Syrien, und jetzt haben sie den Terror des IS im eigenen Land. Es gehen eigentlich alle davon aus, dass es der IS war. Dieser ganze Mix macht die Situation schon explosiv.

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