Reaktion von Muslimen zu Köln Veli Firtina: „Ich war schockiert“

Münster -

Als Vorsitzender des DITIB-Regionalverbandes äußert sich Veli Firtina zu den Vorfällen der Silvesternacht. Sein Fazit: Die Gesellschaft muss Konsequenzen ziehen.

Veli Firtina ist ehrenamtlicher Vorsitzender des Ditib-Regionalverbandes, der seinen Sitz am Bremer Platz in Münster hat.
Veli Firtina ist ehrenamtlicher Vorsitzender des Ditib-Regionalverbandes, der seinen Sitz am Bremer Platz in Münster hat. Foto: bn

Die Ereignisse der Silvesternacht in Köln gehen nicht spurlos an den Muslimen in Münster vorbei. Trägt der Islam eine Mitschuld oder geht es um kulturell unterschiedliche Werte? Veli Firtina ist Vorsitzender des DITIB-Regionalverbandes und für 73 Gemeinden in den Regierungsbezirken Münster und Detmold zuständig. Mit ihm sprach unser Redaktionsmitglied Günter Benning.

Was haben Sie gedacht, als Sie von den Ereignissen in der Silvesternacht gehört haben?

Firtina: Ich war schockiert. Da geht es um verachtenswerte Taten, die nichts mit einer Religion oder einem Glauben zu tun haben. Keine Religion, keine Moral erlaubt Grapschen, die Verachtung von Frauen oder deren Herabsetzung, indem sie nur als Objekt betrachtet werden.

In der gegenwärtigen Diskussion wird oft gesagt, die Verachtung der Frau sei im Islam zugrunde gelegt. Was sagen Sie dazu?

Firtina: Das ist falsch. Jeder Muslim, der den Koran liest und ihn zu verstehen versucht, wird bestätigen, dass es außer den fünf Säulen des Islam – Bekenntnis, Gebet, Wallfahrt nach Mekka, Almosen und Fasten – weitere gewichtige Gebote gibt. Am wichtigsten: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Besonders die Würde der Frau.

Warum besonders?

Firtina: Im Islam wird die Frau als heiliges Geschöpf betrachtet. Durch ein Geschenk Gottes können Frauen Weltwunder vollbringen. Sie können Kinder zur Welt bringen – ein Wunder. In einem Hadith heißt es, das Paradies liegt unter den Füßen der Mütter.

Manche westliche Frauen würde sagen, bei den Muslimen stehen die Männer im Vordergrund. Sie würden Ihnen jetzt nicht glauben. Was sagen Sie dazu?

Firtina: Ich würde auf den Koran verweisen. Wir sehen auch im Leben unseres Propheten Mohammed s.a.v., wie er Frauen behandelt hat. Er hat sie um Rat gefragt, sie bevorzugt. Seine Tochter Fatima durfte bei vielen Gesprächen dabei sein. Hin und wieder hat er um ihren Rat gebeten. All das zeigt, wie wir mit Frauen umzugehen haben.

Müssen wir dann eher von einem ethnisch-kulturellen Problem reden?

Firtina: Wir haben ein ethnisch-kulturelles Problem mit Menschen, die den Koran fehlerhaft auslegen. Wenn dabei rechtsstaatliche Werte angegriffen werden, können wir das nicht hinnehmen. Unser Staat und die Bürger haben die Menschen, von denen wir jetzt reden, herzlich aufgenommen. Das ist bemerkenswert und lobenswert. Wir Muslime, die schon seit 50 Jahren in Deutschland leben, sind hier gerne. Wir halten uns an die Rechtsordnung, und in diesem Rahmen leben wir unsere Religion. Wenn irgendwelche Chaoten meinen, sie müssten diese Rechte brechen, dann müssen sie auch mit juristischen Konsequenzen rechnen.

Wir erleben eine politische Diskussion, in der der Ton gegenüber Flüchtlingen härter wird in Deutschland. Bemerken Sie das bereits in Ihren Gemeinden?

Firina: Gott sei Dank ist das nicht so. Ich habe das Gefühl, die Mehrheit der Bevölkerung ist nicht der Meinung, dass diese Übergriffe mit dem Islam zu tun haben. Ich kann die Gesellschaft beruhigen: Muslime leben schon seit 50 Jahren in Deutschland, wir haben bundesweit über 2000 Moschee-Gemeinden. Allein die DITIB ist mit über 900 Gemeinden organisiert. Wir leben in Ruhe und Frieden miteinander. Unsere Vereinsarbeit ist sehr transparent. Jeder kann Tag für Tag in die Moscheen kommen, wir stehen mit Rat und Tat jedem Bürger zur Verfügung. Wir haben Frauenabteilungen, Jugendabteilungen und Elterngruppen. Jeder weiß bei uns um seine Verantwortung.

Welche Konsequenzen halten Sie für angemessen im Umgang mit solchen Ereignissen wie in Köln?

Firina: Die Gesellschaft muss Konsequenzen ziehen. Belästigungen, sexuelle Übergriffe, Beleidigungen gegenüber Menschen, ob Frauen oder nicht, egal von welcher Seite sie kommen, müssen bestraft werden. Wir müssen Zivilcourage zeigen.

Sie haben an manchen Tagen 500 Besucher in der Moschee in Münster, darunter auch Flüchtlinge, die eine Möglichkeit sehen, ihren Glauben zu leben. Nutzen Sie die Gelegenheit, ihnen Deutschland zu erklären?

Firina: Ja. Die Flüchtlinge, die zu uns kommen, wissen schon, wie sie sich zu verhalten haben. Viele schätzen ja unsere Wertekultur in Deutschland. Wenn es tatsächlich Menschen gibt, die auf dem falschen Weg sind, ob Migranten oder Einheimische, dann muss ihnen geholfen werden. Möglicherweise auch zwangsmäßig mit Erziehungsmaßnahmen.

Wie wollen Sie zur Lösung des Problems beitragen?

Firtina: Wir können nicht die Arbeit der Ermittler, der Politiker, der Sicherheitsbehörden übernehmen. Trotzdem stellen wir uns der gesellschaftlichen Verantwortung als Muslime. Der Staat braucht zuverlässige Ansprechpartner für die islamische Religionsgemeinschaften.

Was heißt das konkret?

Firtina: Die Mehrheitsgesellschaft hat ein Recht auf einen aufgeklärten Islam. Der DITIB-Landesverband NRW stellt sich dieser Verantwortung für Staat und Gesellschaft.

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