City-Maut in Münster FH-Professor erläutert sein Konzept

Münster -

Der Verkehrsexperte Prof. Dr. Martin Lühder hat eine Debatte über eine City-Maut in Münster losgetreten. Mit einer ausführlichen Stellungnahme reagiert er jetzt auf die Kritik, die seine Idee hervorgerufen hat.

Von Prof. Dr. Martin Lühder (Gastbeitrag)
Die Citymaut gibt es anderswo – wie hier in London.
Die Innenstadtmaut gibt es bereits in 14 europäischen Städten - wie hier in London. Foto: dpa

Je mehr Verkehr desto besser für den Wirtschaftsstandort Münster? 

Wirklich? Hier irrt der von mir ansonsten geschätzte Kollege Joachim Brendel der IHK Nord-Westfalen. Schaut man auf das geliebte Smartphone so wird in „Google Maps“ sowohl morgens als auch am Nachmittag ein Großteil des Verkehrsnetzes als rot dargestellt. Überlastung. Praktisch bedeutet das: Der Verkehr schiebt sich großflächig und regelmäßig im Stau durch Münster und zwar mit den üblichen Begleiterscheinungen: Schadstoffe Stickoxide, CO2 sowie mit Feinstaubbelastungen, die die zulässigen Grenzwerte regelmäßig deutlich überschreiten.

Natürlich ist auch Pkw-Mobilität ein wichtiger Standortfaktor aber irgendwann kippen diese Vorteile zu Lasten von Urbanität und städtebaulicher Verträglichkeit. Münster hat diesen Punkt längst erreicht. Wir müssen umdenken und umlenken zugunsten des ÖPNV und des Rad-Verkehrs.

Permanente Schallbelastungen durch Motoren und Reifenlärm wird noch besonders verstärkt durch häufiges Anfahren und Abbremsen. Gerade derartige Fahrzyklen verbrauchen dabei extrem viel Kraftstoff, was ja gerade im Hinblick auf die allerseits versprochenen Klimaziele extrem kontraproduktiv ist.

Wie sieht die Situation vor Ort praktisch aus: Dicht an dicht quält sich die Blechlawine über verkehrstechnisch gut ausgebaute Straßen, leider mit immer noch zu wenig Fahrspuren. Man könnte weitere Fahrspuren anbauen, mit viel Aufwand und durch Abriss der Wohnbebauung. Nicht durchsetzbar. Nicht sinnvoll.

Gleichzeitig quälen sich immer mehr Radfahrer über viel zu schmale Radwege, neue und breitere werden seit Jahren nicht gebaut. Dafür fließt viel Geld in eine großzügige Umgehungsstraße und ich finde das sogar gut. Umgehungsstraße bedeutet ja einerseits Entlastung der innerstädtischen Netze aber auch Verbesserung der regionalen und überregionalen Verkehrsnetze zur Stärkung unserer heimischen Wirtschaft; und machen wir uns nichts vor: Wir leben alle davon, dass Waren auf kurzen Wegen „Just in Time“ über überörtliche Straßen transportiert werden können.

Es ist absehbar, dass bis zum Jahr 2030 die Fahrten mit Pkw um ca. 13% und im Güterverkehr sogar um 38% zunehmen werden. Wohin also mit den zusätzlichen Verkehren? „Weiter so“ wird nicht funktionieren. Wer die Lebensqualität in der Stadt verbessern oder nur halten will, kann dies nur durch einen Paradigmenwechsel erreichen: 

Ich lasse grundsätzlich nur so viel Verkehr in der Stadt zu, wie für die Bewohner verträglich ist. 

Eine andere Politik ist auf Dauer gegenüber den in der Stadt lebenden Bürgern unverantwortlich. Täglich kommen fast 100.000 Einpendler nach Münster und diese Zahl wird noch weiter zunehmen. Sie verteilen sich mit den Münsteranern zusammen auf 160.000 Arbeitsplätze. Eine prosperierende Stadt also, und „das ist auch gut so“. Die Frage ist nur, kann die Stadt die bisherigen und zukünftigen Verkehre mit dem Auto auch in Zukunft noch verkraften? Ich glaube: Nein.

Wo steht eigentlich geschrieben, dass die Freiheit eines jeden auswärtigen Kraftfahrzeug-Lenkers unangetastet bleiben muss, den Münsteranern nach Belieben seine Hinterlassenschaften in Form von Abgasen, Giftstoffen, Schallemissionen vor die Tür zu kippen? Zusätzlich sind Verkehrsunfälle und unzumutbaren Trennwirkungen im Stadtraum zu beklagen. Ist das in Ordnung?

„Dann Verteuern wir eben die Parkgebühren“ wird oft als Lösungsansatz vorgebracht. Tatsache ist aber, dass ein Großteil der Einpendler das eigene Fahrzeug auf bewirtschafteten Betriebsparkplätzen abstellt, sich einer Verteuerung des Parkraumes also planmäßig entzieht. Gleichzeitig dient der bewirtschaftete Parkraum auch gerade den einkaufenden Kunden, und die sollen von Ihrem Einkauf in Münster nicht abgehalten werden. Auch davon lebt die Stadt.

Um Verhaltensänderungen bei der Verkehrsmittelwahl zu erzwingen, hat sich neben der Verbesserung des Angebots im ÖPNV und Radwegenetz gerade ein Mittel als besonders geeignet erwiesen: Das Portemonnaie. Auf nichts reagiert die „Geiz ist Geil Generation“ empfindlicher und nervöser. Wir bitten also die von außen nach Münster einfahrenden Verursacher der Unverträglichkeiten zur Kasse. Wer Unverträglichkeit erzeugt, muss zahlen. Münster führt die City-Maut ein.

Die Maut-Zahlgrenze orientiert sich am Münsteraner Außenring. Einer in weiten Bereichen gut ausgebauten Hochleistungsstraße. Und natürlich kommt sofort der Einwand: Wieso sollen die Münsteraner innerhalb des Maut-Rings nichts bezahlen? Hier ist den Münsteranern allerdings zunächst einmal ein großes Lob zu vermitteln: In keiner Großstadt Deutschlands ist der Anteil der Wege, die im Umweltverbund (ÖPNV, Bahn, Fernbusse, Radverkehr, Fußgängerverkehr) zurückgelegt werden, größer als in Münster. Bereits 70% aller gemachten Wege sind schon heute ökologisch verträglich. Und das ist noch lange nicht das Ende: Das Ziel sind 90% im Umweltverbund. Die restlichen Fahrten werden mit dem Pkw zugeordnet. Das kann auch sinnvoll sein. Fahrten zu größeren Anschaffungen und Einkäufen, zu Besuchen und anderen Events können auch mit dem (hoffentlich zu mehreren genutzten) eigenen Auto sinnvoll sein.

Wenn nun das Ziel „90% aller Wege im Umweltverbund“ erreicht ist, sind dann die Staus in Münster vorbei? Ich glaube das nicht. Man wird es kaum merken. Wahrscheinlicher ist, dass durch die allgemein dynamische Entwicklung in Münster die Staus durch Pendler eher noch zunehmen.

Pendlerschelte also? Nein. Münster braucht die Pendler und die Pendler brauchen Münster. Wo sollten die täglich ca. 100.000 Pendler auf dem extrem angespannten Wohnungsmarkt in Münster bezahlbaren Wohnraum finden. Kein in absehbaren Zeiträumen lösbares Problem.

Trotzdem müssen die Pendler motiviert werden, ihr Verkehrsmittel-Wahlverhalten zu ändern und auf Verkehrsmittel im Umweltverbund umzusteigen. Eine unbeschränkte Zufahrt in das Zentrum von Münster ist auf Dauer nicht hinnehmbar. Dazu müssen natürlich parallel zur Einführung einer City-Maut attraktive Angebote den Umstieg erleichtern. Strahlenförmig auf die Stadt zulaufende Radschnellwege, Ausbau des ÖPNV. Ein typisches Henne-Ei-Problem also. Erst Motivieren und dann Ausbauen oder umgekehrt.

Der Lösungsansatz zur City-Maut-Münster von Prof. Dr. Martin Lühder:

- Jeder, der den Zahl-Ring als Pendler überfährt, zahlt einmalig pro Tag 5 € (Bei 20 Arbeitstagen / Monat wären dies 100€ / Monat).

- Die Maut ist ein Fahrschein für den ÖPNV oder berechtigt zur Nutzung eines Leihrades an neu einzurichtenden P+R Verknüpfungspunkten am Maut-Ring für einen Tag.

- Dieses Umwelt-Ticket ist ein Verkehrssteuerungsinstrument und dient nur zur Finanzierung der Verkehrsinfrastruktur im Umweltverbund.

- Mit der Maut sind die täglichen Parkkosten abgegolten. Hierdurch werden die Parkhäuser zuerst genutzt, Parksuchverkehre werden minimiert.

- Bau, Betrieb, Überwachung und Administration erfolgt durch eine private Gesellschaft, die durch Anteile an der Maut finanziert wird: PPP-Projekt.

Protest eingeplant

Natürlich wird bei diesem deutlichen Wechsel in Richtung auf eine verträgliche Stadtwelt ein Sturm der Entrüstung losbrechen. Der Untergang von Münster wird wahrscheinlich vorausgesagt. Nichts anderes erwarte ich. Ich bin auch skeptisch ob die Politik die Kraft hat dieses Umdenken positiv zu begleiten und den Widerstand der Wutbürger auszuhalten, denn sind wir doch einmal ehrlich: Man hat sich eingerichtet. Jegliche Veränderung wird zunächst aus der Blickrichtung möglicher Risiken betrachtet. Chancen werden verdrängt.

In keiner Stadt in Deutschland gibt es eine City-Maut, warum sollte Münster die Erste sein? Vielleicht weil Münster schon heute in vielen Bereichen Vorbild ist? Vielleicht weil sich Münster einreihen möchte in die Reihe fortschrittlicher Städte mit einer Maut: Stockholm, Kopenhagen, Oslo, Singapur. Gerade Kopenhagen ist das Beispiel einer Stadt, bei dem die Umorientierung nicht von der Politik ausging, sondern von der Bürgerschaft. Diese stellte die Grundsatzfrage: Wem gehört die Stadt? Ich meine zunächst den Menschen die dort leben, danach auch den Pendlern, den Touristen und natürlich auch den Kunden.

Option oder Utopie

Ich möchte die Diskussion über die weitere Verkehrsentwicklung in Münster neu anstoßen. Ein „Weiter so“ kann ich mir nicht vorstellen. Ist die City-Maut eine Option für Münster oder eine Utopie?

Prof. Dr.-Ing. Prof. h.c. Martin Lühder

Fachbereich Bauingenieurwesen

Kompetenzzentrum Bau und Verkehr

Fachhochschule Münster

http://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/3737200?categorypath=%2F2%2F2669082%2F2670173%2F2686135%2F2686808%2F2686822%2F