Hartwig Schultheiß steht zur Wahl Mehr Macher als Moderator

Münster -

Bis zur Sommerpause müssen Münsters Ratsmitglieder darüber entscheiden, ob der Arbeitsvertrag des amtierenden Planungsdezernenten und Stadtdirektors Hartwig Schultheiß verlängert wird. Ende 2000 trat er sein Amt in Münster an. 15 Jahre später beleuchtet unser Redakteur Klaus Baumeister das Wirken des streitbaren Planers, der wie kaum ein anderer Spitzenbeamter im Fokus politischer Debatten steht.

Von Klaus Baumeister
Hartwig Schultheiß ist ein Stadtdirektor mit Ecken und Kanten. 2016 entscheiden die Ratsmitglieder über seine Wiederwahl.
Hartwig Schultheiß ist ein Stadtdirektor mit Ecken und Kanten. 2016 entscheiden die Ratsmitglieder über seine Wiederwahl. Foto: Oliver Werner

Samstag für Samstag findet eine Abstimmung mit den Füßen statt. Zu Tausenden strömen Menschen aus dem weiten Umland in die münsterische Innenstadt. Die Attraktivität der City für Münster-Besucher ist inzwischen so groß, dass Münsteraner staunend vor dieser Menschenmasse stehen. 

Fragt man danach, wann all das begonnen hat, so muss man 15 Jahre zurückblicken. Im Jahr 2000 traten – unabhängig voneinander – drei Ereignisse ein, die in ihrem Zusammenwirken diesen Boom auslösten:

► Die Stadt Münster legte die Grundlagen für eine neue Buslinienführung. Ziel war es, nicht mehr alle Linien über den Prinzipalmarkt zu führen.

► Das Oberverwaltungsgericht Münster kippte das Projekt Preußen-Park, das die Ansiedlung eines 30 000 Quadratmeter großen Einkaufszentrums in Berg Fidel vorsah.

► Der Rat der Stadt Münster wählte Hartwig Schultheiß zum neuen Planungsdezernenten. 

Im Ergebnis hatten diese zeitlich eng beieinander liegenden Entscheidungen weitreichende Folgen:

► Mit dem Preußen-Park-Urteil löste sich der Investitionsstau bei den Innenstadt-Kaufleuten auf. Allen war klar, dass die City dauerhaft das Zentrum der münsterischen Geschäftswelt bleiben würde.

► Das neue Buskonzept mit dem Bült als zentraler Haltestelle sorgte dafür, dass der Dauerstau der Busse rund um den Prinzipalmarkt aufgehoben wurde und sich dadurch die Aufenthaltsqualität spürbar verbesserte.

► Hartwig Schultheiß schließlich verstand intuitiv, dass sich ihm die historische Chance bot, den absehbaren städtebaulichen Wandel der Innenstadt voranzutreiben und ihm seinen Stempel aufzudrücken.

Mehr noch als die Architektur einzelner Gebäude interessierte Münsters obersten Städteplaner dabei die Gesamtwirkung der Altstadt und ihrer Wegebeziehungen. Bis dahin bestanden Münsters Vorzeigestraßen nur aus einem Trio: Ludgeristraße, Prinzipalmarkt und Salzstraße. Schultheiß brach diese Beschränkung auf. Er nahm vielen Stellen den Hinterhofcharakter und sorgte dafür, dass aus einstmals leblosen Gassen wichtige Querwege wurden.

Wer heute zum Beispiel vom Adolph-Kolping-Platz über die Stubengasse bis zum Erbdrostenhof geht, der erlebt einen durchgehend hochwertigen, städtebaulichen Raum. Noch vor 15 Jahren hätte man diesen Weg erst gar nicht angetreten, weil er durch dunkle Ecken führte und man gar nicht wusste, ob man überhaupt ankommt.

Auch die Trampelpfade, die die Bushaltestelle am Bült mit der City verbinden, können sich inzwischen sehen lassen. Die Kirchherrngasse wurde neu gestaltet, am Alten Fischmarkt entstand ein neues, sehr prägnantes Gebäudeensemble. Am anderen Ende der City wurden Königsstraße und Rothenburg aufgewertet.  

Es wäre vermessen, diese Entwicklung allein Schultheiß zuzusprechen. Er hielt aber die Enden zusammen und sorgte mit (zuweilen beinhartem) Ehrgeiz dafür, dass sich jede Einzelmaßnahme in sein Konzept einreihte. Sogar vermeintliche Nebensächlichkeiten wie die Neugestaltung der Julius-Voos-Gasse, die Öffnung des Dominikanerbogens oder die Gedankenspiele zur besseren Einbindung des Harsewinkelplatzes gehorchen seinem Masterplan. 

Die vielen Konflikte, die Schultheiß insbesondere mit SPD und Grünen im Rat ausficht, werden vordergründig gern darauf zurückgeführt, dass er der CDU angehört. Bei näherer Betrachtung ist es aber eher das unpolitische Vorgehen des Stadtdirektors, das die vielfältigen Konflikte erklärbar macht. 

Verdeutlicht werden soll dies am Beispiel des Parkhauses Engelenschanze. Die Planungen dafür begannen, nachdem die CDU die Wahl 1999 gewonnen hatte und massiv auf die Schaffung neuer Parkplätze drängte. Unmittelbar neben dem neu geplanten Parkhaus befand sich der bestehende Parkplatz Engelenschanze – und zwar dort, wo heute der Bouleplatz zu finden ist.

Schultheiß drängte mit aller Macht darauf, diesen Parkplatz aufzugeben, weil sich die Fläche ideal als Verbindungsweg zwischen Parkhaus und Innenstadt anbot. Die CDU wehrte sich heftig dagegen, weil sie Parkhaus und Parkplatz haben wollte. Schultheiß warb so hartnäckig, dass die CDU nachgab – wohl wissend, dass dadurch die Nettobilanz bei der Schaffung neuer Parkplätze geschmälert wurde. 

Bei der Planung der Tiefgarage unter dem Ludgeriplatz stieß Schultheiß dann erstmals an seine Grenzen. Er selbst verstand sich gern als „Erfinder“ der Tiefgarage und verteidigte sie bis zuletzt. Ihm und der regierenden CDU gelang es aber nie, die emotionalen Vorbehalte in der Bevölkerung zu entschärfen.

Auf Kritiker mäßigend einzuwirken, gehörte nie zu den Stärken des Stadtplaners. Der damalige CDU-Oberbürgermeister Dr. Berthold Tillmann stoppte 2004 die Pläne. Es war die blanke Not, die Tillmann dazu veranlasste. Er befürchtete, die Oberbürgermeisterwahl zu verlieren. Doch zugleich sandte er ein unmissverständliches Signal an den ehrgeizigen Stadtdirektor. Tillmann machte klar, wer der Koch und wer der Kellner ist.

Auch in den Folgejahren gab es immer wieder heftige Auseinandersetzungen zwischen Ratsmitgliedern und Schultheiß. Mal ging es um Geld zur Sanierung des Preußen-Stadions, das Schultheiß – nach Ansicht seiner Kritiker – im Haushalt versteckt hatte. Mal ging es darum, dass er sich in einem Brief an die Umland-Bürgermeister sehr abschätzig über einen von SPD und Grünen herbeigeführten Beschluss äußerte. Auch bei der Dauerdebatte über die Hafenentwicklung schaffte es Schultheiß nie, die Rolle eines Moderators einzunehmen, der deeskalierend wirkt anstatt die Kontroverse noch zu befeuern.

Selbst Kleinigkeiten boten Anlass für Streitereien, so der sprachlich geringe, inhaltlich aber bedeutsame Unterschied zwischen „förderfähigem Wohnraum“ und „gefördertem Wohnraum“, der bei Planung der Wohnbebauung auf dem alten Winkhaus-Gelände eine große Rolle spielte. Verärgert hielten viele Ratsmitglieder dem Stadtdirektor vor, sie nur unzureichend informiert zu haben.

Schultheiß wiederum fiel es in vielen Sitzungen des Planungsausschusses schwer, die Kritik von Menschen zu ertragen, die ihm fachlich nicht das Wasser reichen konnten – auf deren Zustimmung er aber angewiesen war. Manches Mal wäre der Stadtdirektor gut beraten zu schweigen. Aber im Schatten eines unerschütterlichen Gestaltungsdrangs ist sein pädagogisches Geschick eher schwach entwickelt.

Seit genau 15 Jahren ist Hartwig Schultheiß im Amt. Im ersten Halbjahr 2016 entscheiden die Ratsmitglieder darüber, ob der Arbeitsvertrag des Stadtdirektors verlängert wird. Noch ist unklar, wie sich die Politik entscheidet.

Schultheiß ist im Umgang mit Menschen, die ihn kritisieren, nicht immer zimperlich – auch nicht, wenn die Kritik von einem Journalisten kommt. Aber betrachtet man sein Wirken vom Ergebnis her, so kann man dem Stadtdirektor nur attestieren: Münster ist unter seiner Führung sichtbar schöner geworden!

Wer also im Rat über eine Abwahl des Stadtdirektors nachdenkt, der sollte in einem ruhigen Moment die eigene Erwartungshaltung hinterfragen: Soll auf dem Platz neben dem Oberbürgermeister ein Chef-Diplomat oder ein Chef-Planer sitzen? Als Diplomat ist Schultheiß eher ungeeignet, als Planer indes ist er so gut, dass man nur schwer einen besseren findet.

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