Verfolgte Minderheiten Arche Noah hilft Flüchtlingen in Münster

Münster -

Spannungen in Flüchtlingsunterkünften. Unverständnis, Angst, Überforderung. Der münsterische Verein Arche Noah setzt sich vor allem für verfolgte Minderheiten ein.

Von Günter Benning  
Ismet N., Lothar Hill und Omar Khalif Barakat (v.l.) aus dem Irak.
Ismet N., Lothar Hill und Omar Khalif Barakat (v.l.) aus dem Irak. Foto: bn

Dem gebrauchten VW-Bulli, den Ismet N.* lenkt, sieht man seine Vergangenheit an. „Polizei“ schimmert auf der Haube. Aber das hält keinen auf Distanz. N. ist kaum auf den kleinen Parkplatz der York-Kaserne gefahren, als vier Flüchtlinge auf ihn zusteuern: „Die kenne ich alle“, sagt der Mann vom Flüchtlingsverein „Arche Noah“.

Die vier sind Jesiden aus Syrien, eine von islamistischen Gruppen verfolgte religiöse Minderheit.

„Sie verstehen nicht“, übersetzt N. die Kommentare der Männer, „warum sie hier schon so lange bleiben müssen.“

Die York-Kaserne ist eine Übergangseinrichtung des Landes. Von dort geht es in andere Ankünfte. Die vier haben andere Familien nach sich kommen und vor sich gehen sehen. Sie zeigen zerknitterte Papiere vor, die sie nicht verstehen. Alltag im Flüchtlingsdeutschland.

N. spricht ihre Sprache. Seine Eltern stammen aus der Türkei, kamen als Gastarbeiter nach Deutschland. Er selbst ist am Niederrhein aufgewachsen, das hört man.

Nach einem Motorradunfall als junger Mann, hat er einige Jahre als kaufmännischer Angestellter gearbeitet. Aber langes Sitzen schmerzt. Jetzt ist er Frührentner. Einmal an diesem Nachmittag, als Flüchtlinge immer drängender Hilfe fordern, zieht er seine Medikamente: „Mensch, Leute, ich bin selbst am Rande.“

Lothar Hill gehörte ebenfalls zu den Gründern von Arche Noah im vergangenen Jahr. Als Journalist und Filmer ist er regelmäßig in den Kurdengebieten, im Irak, Syrien, der Türkei unterwegs, dreht Dokumentationen über das Leben der Menschen dort. „Seit Ende der 80er setze ich mich für Flüchtlinge ein“, sagt er. Im Augenblick pausiert er, die Reisen sind zu gefährlich geworden.

Arche Noah hilft Flüchtlingen in Münster. Besonders jenen, die verfolgten Ethnien angehören. In den Heimen, weiß Ismet N., herrschen Spannungen. Teilweise leben Menschen zusammen, deren Volks- oder Religionsgruppen sich in der Heimat bekriegt haben. Das lässt sich nicht mit einem Federstrich vergessen. Zu Anfang der Flüchtlingswelle versuchten Salafisten, Gläubige Muslime zu gewinnen. Was da laufe, glauben die Arche-Noah-Leute, verstehen viele professionelle Flüchtlingsbetreuer gar nicht.

Mit dem Bulli fahren die Helfer zu einem jungen Paar, das in einer Siedlung mit vielen Flüchtlingsfamilien wohnt, in ehemaligen Britenhäusern. „Münster ist vorbildlich“, lobt N.. Tatsächlich sind die Wohnungen sauber, die Häuser gepflegt, am Anfang der Siedlung ist das Büro des Sozialarbeiters.

Ärger entsteht im Alltag. Da legen etwa Jesiden oder Christen Schweinefleisch in den gemeinsamen Kühlschrank. Für die Muslime im Haus ein Affront. In ihren Augen ist der Schrank verunreinigt. „Vielleicht sollte man die verschiedenen Gruppen voneinander trennen“, sagt N.. Obwohl genau das nicht dem Ideal einer offenen, freien Gesellschaft entspricht.

Auf anderen Flüchtlingen lastet die Angst um ihre Familie. Da ist, ein paar Häuser weiter, der 35-jährige Omar Khalif Barakat. Er bewohnt ein kleines Zimmer. An der Wand die kurdische Flagge. Er hat sich nach Deutschland schleusen lassen, seine Ersparnisse sind verbraucht. Seine Frau, sagt der Sportlehrer, sitzt mit fünf Kindern in einem Flüchtlingslager. Er kann nicht helfen: „Wovon?“ Er will sie nach Deutschland holen. „Wenn ihnen etwas geschehen würde, tue ich mir etwas an“, sagt der ernste Mann.

Barakat weiß, wie es seiner Familie geht. Sein Handy hält ihn auf dem Laufenden. Das Smartphone ist der Motor und das Gehirn dieser Flüchtlingswelle. Alle sind vernetzt.

Manchmal erreichen den Iraker Mobilgespräche aus dem Mittelmeer. „Menschen auf Booten, die ihre GPS-Daten senden, wenn sie in Seenot sind.“ Dann hat er schon mal die Küstenwacht alarmiert.

N. und Hill fahren weiter. Die Liste der SMS auf ihren Handys ist lang. Flüchtlinge haben Fragen, brauchen Übersetzungen und Hilfe beim Ausfüllen von Formularen. „Wir sind fast jeden Tag unterwegs“, sagt Ismet N., der zur nächsten Unterkunft fährt, „manchmal drei bis acht Stunden.“

 * Ismet N. möchte im Internet nicht seinen Nachnamen veröffentlicht sehen, da er Repressalien islamistischer Kreise befürchtet.

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