Kitastreik Mehr Wertschätzung, bitte

Münster -

Ab Montag wird in den städtischen Kitas gestreikt. Im Interview sagt die Erzieheruin und städtische Personalrätin Ulla Otte, warum sie den Streik für gerechtfertigt hält.

Am Montag beginnt der Streik in den städtischen Kitas , in offenen Ganztagsschulen und in kommunalen sozialen Einrichtungen. Ulla Otte ist seit vier Jahrzehnten Erzieherin, bis vor zwei Jahren war sie Leiterin der städtischen Kita „An der Gartenstraße “, seither ist sie im Personalrat der Stadt für die Erzieherinnen und Erzieher zuständig. Im Gespräch mit Redakteurin Karin Völker spricht Ulla Otte über die Herausforderungen ihres Berufes – und warum sie den Streik für richtig hält.

Wie sieht der typische Tag in einer Kita heute aus? Erzählen Sie vom Berufsalltag.

Otte: Es geht meistens um 7.15 Uhr los, dann bereiten wir die Räume vor, empfangen schon die ersten Kinder mit ihren Eltern, fragen, wie die Kinder geschlafen haben, ob es etwas Besonderes gibt. Später frühstücken die Erzieherinnen mit ihnen, dann erzählen alle im Morgenkreis von ihren Erlebnissen. Danach beginnt die Arbeit, in der wir die Kinder gezielt fördern, in Sprache, Bewegung oder mathematischem und naturwissenschaftlichem Verständnis. Für jedes Kind wird eine Bildungsdokumentation angelegt; mit den Eltern besprechen wir regelmäßig die Förderung.

Mit der viel zitierten Basteltante, falls es sie überhaupt je gab, hat der Beruf also nur wenig zu tun . . .

Otte: Die Arbeit hat sich wirklich sehr verändert. Ein strukturiertes Bildungsangebot hat es vor 30 oder 40 Jahren nicht gegeben. Heute geht es darum, schon sehr kleine Kinder so anzuregen, selbst zu entdecken, sich Wissen und Fähigkeiten anzueignen. Wir begleiten die Kinder auch intensiv beim Übergang in die Schule.

Im Grunde ist das kaum andere Arbeit, als Lehrer sie tun.

Otte: Das stimmt, frühkindliche Pädagogik ist ähnlich anspruchsvoll wie die Arbeit in Grundschulen. Die Bezahlung ist aber viel schlechter.

Sie befürworten also den Streik?

Otte: Ja, ich befürworte den Streik als Gewerkschafterin. Unsere Arbeit verdient mehr Wertschätzung der Gesellschaft. Das sehen die meisten Eltern, die unsere Arbeit täglich erleben, zum Glück ähnlich.

Viele Eltern haben durch den Streik jetzt große Pro­bleme, ihren Alltag zu organisieren . . .

Otte: Wir wissen, was wir den Eltern zumuten, das ist keine einfache Situation. Viele Familien unterstützen sich jetzt untereinander, einige werden das Angebot der Notgruppen wahrnehmen.

Der Streik ist ja als unbefristet angekündigt worden. Das ist für berufstätige Eltern mit einem Kita-Kind eine sehr unsichere Perspektive.

Otte: Wir planen zunächst für zwei Wochen – und hoffen, dass es Gespräche mit den Arbeitgebern geben wird. Es werden in der Tat sehr viele Eltern die Auswirkungen des Streiks spüren. Es wird in 27 der 29 städtischen Kitas gestreikt, in zehn Einrichtungen unbefristet, andere beteiligen sich tageweise.

Wie viele Erzieherinnen und Erzieher der städtischen Kitas sind denn gewerkschaftlich organisiert? Nur sie erhalten ja Streikgeld.

Otte: Wir nehmen an, dass es etwa die Hälfte der 400 Beschäftigten sind. Es beteiligen sich aber auch viele Nicht-Mitglieder zeitweise am Streik.

Was ist mit den vielen Kollegen, die bei nicht kommunalen Trägern arbeiten und die jetzt nicht streiken?

Otte: Der Arbeitskampf wird auch für sie geführt – denn in der Regel lehnen sich andere Träger an die öffentlichen Tarife an. Wir werden während des Streiks auch andere Einrichtungen besuchen und dort unsere Solidarität zeigen.

Wie hoch ist das Gehalt von Berufsanfängern im Erzieher-Job?

Otte: Anfänger verdienen 2589 Euro brutto bei einer vollen Stelle, nach drei Jahren steigt das Gehalt auf 2768 Euro, nach zehn Jahren auf knapp 3000 Euro. Als Leitung einer großen Einrichtung kann man höchstens 4318 Euro verdienen, dafür muss man aber mindestens 18 Jahre ununterbrochen gearbeitet haben.

Kann man die Anforderungen des Berufs bis zum Rentenalter durchhalten?

Otte: Viele Kolleginnen arbeiten Teilzeit oder hören mit Abschlägen von der Rente früher auf. Bei einer Umfrage hat die Hälfte der Kita-Erzieherinnen gesagt, sie können sich nicht vorstellen, bis zum Rentenalter im Job zu bleiben. Die Arbeit mit den Kindern ist körperlich, geistig und psychisch anstrengend – umso mehr, als häufig Mehrarbeit anfällt, weil bei Personalausfall nicht immer Ersatz da ist. Manchmal ist eine Person mit 20 Kindern allein.

Sind die Kinder heute eigentlich anstrengender als früher?

Otte: Sie sind lauter, vor allem wissen sie schon viel mehr als ein Kindergartenkind früher. Die Kinder fordern uns stärker – und die Eltern übrigens auch. Sie haben große Erwartungen, dass wir ihre Kinder richtig auf die Schule vorbereiten und sie bestmöglich fördern. Kinder mit Behinderungen brauchen eine besondere Förderung. Die Familien kommen in vielen Einrichtungen aus vielen Ländern, haben einen sehr unterschiedlichen kulturellen Hintergrund. Das alles fließt in die Pädagogik ein, schafft besondere Herausforderungen.

Die meisten Kommunen haben wenig Geld – sie werden sich schwertun, der von der Gewerkschaft geforderten durchschnittlichen Gehaltssteigerung um zehn Prozent zuzustimmen.

Otte: Das ist ein Verteilungsproblem, und dass die Kommunen vom Bund zu wenig Geld für ihre vielen Leistungen erhalten, können wir nicht zu unserem Pro­blem machen. Der Staat hat genug Geld, die Leistung im Erzieherberuf angemessener zu entlohnen.

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