Horstmar-Leer „Wir kamen vom Paradies in die Not“

Horstmar-Leer -

Als ein Beispiel für die Hilfsbereitschaft der Bevölkerung im Westen Deutschlands gegenüber den Flüchtlingen (elf Millionen) vor 70 Jahren mag die Geschichte von Joachim Höpfner dienen, der als Zehnjähriger von seinen Eltern getrennt wurde und ein Jahr lang auf dem Hof der Familie von Maria Hunke in Leer lebte, wo er freundlich aufgenommen wurde.

Von Sabine Niestert
Das Bild zeigt die Familie Höpfner nach der Zeit bei Hunke in Leer, als sie wieder zusammengefüht worden war und in einer Dreizimmerwohnung lebte. Seinerzeit waren gerade die Großeltern (hinten) zu Besuch. Vorne in der Mitte ist Joachim Höpfner mit seinen Schwestern Monika, Eva und seinem Bruder Karlheinz zu sehen.
Das Bild zeigt die Familie Höpfner nach der Zeit bei Hunke in Leer, als sie wieder zusammengefüht worden war und in einer Dreizimmerwohnung lebte. Seinerzeit waren gerade die Großeltern (hinten) zu Besuch. Vorne in der Mitte ist Joachim Höpfner mit seinen Schwestern Monika, Eva und seinem Bruder Karlheinz zu sehen.

Voller Dankbarkeit erinnert sich Joachim Höpfner noch heute an seine erste Zeit von Mai 1946 bis Ende 1947 als Flüchtling bei Witwe Maria Hunke , die er als Zehnjähriger als „herzensgute und einmalige Frau“ im kleinen Horstmarer Ortsteil Leer kennengelernt hat. Diese hatte ihn als Flüchtlingskind in ihren Haushalt aufnehmen müssen, da er in der Dachkammer, in der seine Eltern lebten, nicht mehr untergebracht werden konnte.

„Erstmalig konnte ich mich seit langer Zeit wieder richtig satt essen“, schreibt der heute 80-Jährige, der mit seiner Familie aus Schlesien vertrieben worden war, in seinem Lebensbericht. „Die Frau bewirtschaftete einen kleinen Bauernhof allein, da ihr Mann verstorben war. Sie versorgte die Kühe, die Äcker und den Haushalt, in dem noch eine alte Tante und ihr Vater lebten“. Ihre beiden Töchter waren dienstverpflichtet außer Haus – so wie das im Krieg damals war.

Der älteste Sohn war an der Ostfront gefallen und ihrem zweiten Sohn Hans wurde nach einem Durchschuss an der Westfront das Bein amputiert. Er befand sich in England als Gefangener. Nach seiner Rückkehr habe dieser nicht nur den Hof bewirtschaftet, sondern hätte auch noch eine Nebenerwerbsstelle als Waldarbeiter übernehmen müssen. Das sei notwendig gewesen, da der Hof für die vielen Esser nicht genug eingebracht habe. Doch obwohl der Flüchtling noch als zusätzlicher Esser hinzugekommen wäre, seien alle stets freundlich und nett zu ihm gewesen, erinnert sich der Senior an diese bewegende Zeit in Leer.

So konnte der Vertriebene, der zunächst von seiner Familie getrennt wurde, ab 1946 die Schulen in Leer und in Burgsteinfurt besuchen und später studieren.

„Wir kamen vom Paradies in die Not“ umschreibt der 80-Jährige das Schicksal seiner Familie, das viele andere Vertriebene mit ihnen teilten. Er beschreibt die KIndheit vor seiner Flucht bis 1942, als seine schönsten Jahre. Seinerzeit lebte er im Kreis seiner Geschwister in Hirschberg in Schlesien. Das Einfamilienhaus der Höpfners stand am Hang mit Blick zur Schneekoppe. Die Sommerurlaube verbrachte die Familie in Zopot an der Ostsee. Ab Herbst 1944 gab es keinen Schulunterricht mehr und die Kinder verabschiedeten sich mit einem Fahnenappell auf dem Schulhof.

Im April 1945 floh die Mutter mit ihren vier Kindern und dem treuen Dienstmädchen Christa vor der anrückenden „Roten Armee“ nach Böhmen. „In Saaz wurden wir überrollt“, beschreibt der Senior die schmerzhaften Erinnerungen. Von den Tschechen sei man im Mai 1945 in offenen Güterzügen zurücktransportiert worden. Die Mutter samt der Kinder habe sich dann aus dem Flüchtlingsstrom gelöst. Zu Fuß ging es über das Riesengebirge zurück in die Heimat nach Hirschberg. Dort traf die Familie den Vater wieder, der sich von Danzig aus durchgeschlagen hatte.

Von 1945 bis Mai 1946 lebten die Höpfners in einem sich mit anderen Menschen füllenden Schlesien. Es folgte die Deportation in den Westen Deutschlands nach Westfalen. Dort wurde der zehnjährige Joachim dann von seiner Familie getrennt. Die Gastfreundschaft und Güte der Bäuerin und auch der Familie Hunke hat Höpfner Zeit seines Lebens nicht vergessen, deswegen möchte er auch, dass die Geschichte dieser „einmaligen Frau“ veröffentlicht wird, damit ihre Kinder und Kindeskinder sie lesen können.

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