30 Jahre Sachsenhof Mittelalter ohne Klamauk

Greven -

Liesel Drexler gehört von Anfang an zu der Gruppe von Grevener Heimatfreunden, die den Sachsenhof aufgebaut haben. Mit ihr sprach unser Redaktionsmitglied Günter Benning.

Liesel Drexler gehört zum Urgestein der Sachsenhof-Gruppe, die seit drei Jahrzehnten das Freiluftmuseum aufgebaut und gepflegt hat – jetzt sucht man dringend jüngere Mitmacher.
Liesel Drexler gehört zum Urgestein der Sachsenhof-Gruppe, die seit drei Jahrzehnten das Freiluftmuseum aufgebaut und gepflegt hat – jetzt sucht man dringend jüngere Mitmacher. Foto: Günter Benning

Wie sind Sie dazu gekommen, sich am Sachsenhof zu beteiligen?

Drexler: Ich war damals im Textilarbeitskreis des Heimatvereins – wie die anderen Damen auch. Wir haben damals schon Flachs angebaut. Dann kam die Nachricht, dass das Sachsenhaus von Gittrup nach Greven umgesetzt werden sollte. Es wurden Leute gesucht – ohne Menschen, die das betreiben, ist so ein Projekt ja nicht möglich.

Und da waren Sie sofort dabei?

Drexler: Ja, mein Mann und ich sind geschichtlich und archäologisch interessiert.

Und die Frauen hatten im Heimatverein schon nach historischen Vorbildern Textilien hergestellt?

Drexler: Wir waren ein neu gegründeter Textilarbeitskreis. Alle fünf Frauen haben damals hier angefangen.

Sie tragen selber einen Pullover in sehr originellen Farben. Kommen die aus dem Sachsenhof-Garten?

Drexler: Na, Zwiebelschalen hat man auch in der Küche. Die anderen Farben sind Färberkamille oder Birkenblätter – das färbt gelb. Die gibt es in unserem Kräutergarten.

Und der blaue Pullover Ihres Mannes?

Drexler: Das ist Industrie-Indigo. Früher färbte man blau mit der indigohaltigen Pflanze Färberwaid. Die steht hier im Garten.

Also, Sie sind hier schon authentisch unterwegs?

Drexler: Nicht ganz, die Pullover sind gestrickt, das passt nicht ins Mittelalter. Damals hätten man gewebt.

Der Sachsenhof ist mittlerweile ein großes Gebäude-Ensemble. Wie hat das angefangen?

Drexler: Angefangen hat es mit den Grundgebäuden. Dem Wohnhaus, einer Scheune und dem Grubenhaus. Sicherlich ist die Scheune im 8. Jahrhundert nicht für Wohnzwecke genutzt worden. Aber die Grubenhäuser waren wirklich dafür da, um darin zu arbeiten.

Wenn man im Haupthaus ist, sieht es sehr schmucklos aus.

Drexler: Wir können ja hier, da immer alles offen steht, nichts möblieren. Das kann man nur in einem geschlossenen Museum.

Aber man hat im achten Jahrhundert trotzdem karg gelebt, mit dem Vieh unter einem Dach?

Drexler: Durch Funde hat man es bei anderen Häusern bestätigt gesehen. Auf der einen Seite gab es im Boden überproportional viel Phosphat. Das deutet darauf hin, dass dort die Tiere gestanden und ihre Fäkalien unter sich gelassen haben. Auf der anderen Seite war das nicht so, da lebten die Menschen. Außerdem waren die Häuser so gestellt, dass der Windzug auf natürliche Weise den Rauch des Feuers und der Gestank der Tiere abgeleitet hätte. Unser Haus müsste eigentlich etwas gedreht werden.

Waren denn die Tiere immer dabei?

Drexler: Im Winter standen sie sicherlich im Haus, im Sommer nicht, da weideten sie an der Ems oder im Wald. Die Tiere waren neben dem Acker der wertvollste Besitz der Bewohner.

Wenn man 30 Jahre lang hier ackert wie Sie das machen, fühlt man sich da schon wie ein halber Sachse?

Drexler: Nein, man lebt schon heute. Aber man versetzt sich mal schneller in die Zeit zurück – wenn man Wind und Wetter ausgesetzt ist, kein künstliches Licht hat und schnell in der Natur ist. Gedanklich kann man sich gut in die Nöte der Menschen einfühlen.

Auch Sie müssen ja hier ernten.

Drexler: Ja, aber wenn wir mal ein schlechtes Ergebnis einfahren, dann ärgert es uns wegen der hineingesetzten Zeit und Arbeit. Damals im frühen Mittelalter hätte es für die Leute existenzielle Not bedeutet.

Sie haben schon gesagt, nach 30 Jahren wird der Boden hier weniger ertragreich. Das müssen die Menschen hier früher auch erlebt haben.

Drexler: Ja, der Boden ist erschöpft, die Häuser sind kaputt. Oder so marode, dass sie es nicht mehr reparieren können. Da mussten die Leute früher weiterziehen. Und das war ein gewaltiger Arbeitsaufwand. Waren Sie mal im Haupthaus? Wie viele Eichen sind da wohl verbaut worden?

Zehn?

Drexler: Zehn! (lacht). Es sind im großen Haus 129 Eichen verbaut worden. Jetzt stelle man sich die mal im Wald vor. Jeder Baum musste bearbeitet werden, über die Hälfte des Umfangs geht weg. Was für ein Aufwand für ein Haus, das vielleicht 25 Jahre hält!

Wie viele Leute haben in so einem Haus gewohnt?

Drexler: Vielleicht eine Familie mit drei Generationen, darunter ein paar unverheiratete Verwandte. Es war sicherlich nicht so kinderreich wie im 19. Jahrhundert. Aber die Lebenserwartung war nicht hoch, 30, 35 Jahre. Man geht von vier Generationen in 100 Jahren aus.

Sie machen ja hier die Gartenarbeit und verkneifen sich die elektrischen Geräte?

Drexler: Außer beim Rasenmähen, das macht die Stadt vier mal im Jahr für uns. Aber der Garten wird per Hand bearbeitet.

Sie suchen interessierte Menschen, die sich hier beteiligen. Wie können Sie die locken?

Drexler: Ich würde sagen, es ist das Konzept. Wir versuchen hier, durch verschiedenste Techniken uns in das Leben im frühen Mittelalter hineinzuversetzen. Und die Menschen haben verschiedene Interessen: Pflanzen, mit Holz umgehen, Textiltechniken. Oder Keramik herstellen. Einen Bienenstock haben wir auch. Das ist ein weites Feld. Die experimentelle Archäologie ist ein weites Feld. Auch die Herstellung von Nahrung nach alten Vorbildern demonstrieren wir. Jede Hilfe ist für uns wichtig, damit diese besondere Hofanlage weiter existieren kann.

Aber das ist hier kein Mittelalter-Camp mit Schwerterkampf?

Drexler: Nein, das ist es nicht. Ich weiß, dass das viele gerne als Kulisse sehen wollen und gerne ein Spektakel veranstalten würden. Aber das wollen wir nicht.

An wen muss man sich wenden, um bei Ihnen mitzumachen?

Drexler: Entweder bei unserem Aktionstag am 8. Juli. Oder telefonisch bei Bernhard Reepen, ' 02571/54275.

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