Interview mit Michael Schreiber „Grevener sind sehr duldsam“

Beinah ein halbes Jahrhundert hat Michael Schreiber den Job im Rathaus gemacht, hat als Standesbeamter an die 1000 Ehen geschlossen, hat als Leiter des Ordnungsamtes aber auch unpopuläre Entscheidungen treffen müssen. „Immer zum Schutz der Bürger“, argumentiert der Chef des Fachdienstes Bürgerdienste im Gespräch mit Redaktionsleiter Ulrich Reske. Jetzt verabschiedet er sich in den Ruhestand.

Michael Schreiber geht nach fast einem halben Jahrhundert im Grevener Rathaus in den Ruhestand. Ob als Standesbeamter oder Leiter des Ordnungsamtes – die Arbeit hat ihm Spaß gemacht.
Michael Schreiber geht nach fast einem halben Jahrhundert im Grevener Rathaus in den Ruhestand. Ob als Standesbeamter oder Leiter des Ordnungsamtes – die Arbeit hat ihm Spaß gemacht. Foto: res

Wie viele Rathausjahre haben Sie inzwischen auf dem Buckel?

Michael Schreiber: Am 1. August werden es 49 Jahre.

Hätten Sie die 50 nicht noch gerne voll gemacht?

Schreiber: Den Ehrgeiz habe ich nicht. Es ist gut gewesen.

Sie waren Mitarbeiter unter fünf Bürgermeistern. . . 

Schreiber: Das habe ich tatsächlich noch einmal rekonstruiert: Zwei Stadtdirektoren, Dr. Schneider und Herr Peters, und anschließend kamen hintereinander die Bürgermeister Steingrube, Koling, Gericke und Peter Vennemeyer.

Als 15-jähriger Stift haben Sie im Rathaus begonnen. War das ein Traumberuf oder eine Verlegenheitslösung?

Schreiber: Letzteres. 1968 war eine Zeit, wo man sich nach Schulabschluss – ich selbst war auf der Realschule – Ausbildungsstellen aussuchen konnte. Ich hab´ nur eine Bewerbung geschrieben. Warum im Rathaus? Weiß ich eigentlich gar nicht.

Empfahlen vielleicht die Eltern damals diesen sicheren Weg?

Schreiber: Kann schon sein, dass sie sagten: Geh mal zum Amt. Das Übliche war, dass man nach der mittleren Reife zwei Jahre ein Verwaltungspraktikum machte. Nach dieser Prüfung war man Abiturienten gleichgestellt und ging dann in den Vorbereitungsdienst für den gehobenen Dienst. Das waren noch einmal drei Jahre und danach war man junger Stadtinspektor.

Hat es denn zwischendurch Überlegungen gegeben, die Berufswahl zu ändern, vielleicht zu studieren, möglicherweise Jura?

Schreiber: Mir haben Sprache gelegen. Eigentlich hätte ich gerne Lehrer für Sprachen werden wollen, zumal mir die Arbeit anfänglich in der Verwaltung überhaupt nicht gefiel. Nach der Ausbildung wollte ich wechseln: Abitur machen, studieren. Die drohende Lehrerschwemme Anfang der 70er Jahre und eine neue Tätigkeit als junger Beamter im Standesamt, die mir gut gefiel, verhinderten dies. Ich hatte jetzt erstmals im Rathaus eine gute Perspektive. Und stellte fest: So schlecht ist der Job nicht.

Also sind Sie der Verwaltungslaufbahn bis zur Rente treu geblieben. Aber ein Ortswechsel wäre ja möglich gewesen. Münster oder die Verwaltung einer anderen Stadt.

Schreiber: Och nö. Ich bin durch und durch Grevener.

Hier geboren?

Schreiber: Natürlich.

Also Poahlbürger?

Schreiber: Klar. Bei mir sorgte nur die Bundeswehrzeit in Rheine für einen Ortswechsel.

Natürlich als Heimschläfer!

Schreiber (lacht): Genau, immer Greven.

Hätten Sie denn gerne noch weiter arbeiten wollen, wenn es möglich gewesen wäre?

Schreiber: Wenn man mir im vergangenen Jahr gesagt hätte, du musst bis 67 arbeiten, hätte ich kein Problem gehabt, aber nachdem ich mich in den vergangenen Monaten mit dem Gedanken angefreundet habe, am 31. Mai in den Ruhestand zu gehen, gibt es kein Zurück. Doch grundsätzlich finde ich es nicht schlimm, länger arbeiten zu müssen.

Früher waren Sie Leiter des Ordnungsamtes, heute heißt das Fachdienst Bürgerdienste. Hat das Kind einfach nur einen anderen Namen?

Schreiber: Einfach ein anderes Etikett. Die Arbeit hat sich eigentlich überhaupt nicht verändert. Wenn man am Telefon ist, vor allem, wenn es um eine heikle Geschichte geht, dann melde ich mich mit „Ordnungsamt“. Nie würde ich mich mit „Bürgerdienste“ melden. Ich bin eigentlich für klare Bezeichnungen.

22 Uhr, Musik aus – das hat der Schreiber gemacht. Sie stehen ganz schön in der Kritik. Hat Sie das eigentlich sehr gestört, dass man Ihren Namen ganz häufig mit Verboten, Reglementierungen und Beschränkungen in Verbindung bringt?

Schreiber: Ich zitiere mal den Spruch eines Kollegen Ordnungsamtsleiter aus dem Kreis Steinfurt. „Wer als Ordnungsamtsleiter in seiner Stadt beliebt ist, hat den Beruf verfehlt.“ Verstehen Sie das bitte nicht zynisch.

Das könnte auch auf den Beruf des Redakteurs zutreffen.

Schreiber: Das sind auch Diskussionen, die man im Hause führt. Nach dem Ordnungsbehördengesetz – unserer Bibel – ist es Aufgabe der Ordnungsbehörde, für Sicherheit und Ordnung zu sorgen. Das heißt, das geht nicht gegen, sondern immer für die Bürger. Wir setzen die Schutzinhalte der Gesetze um. Gerade wenn es um Lärmemissionen in Zusammenhang mit Veranstaltungen geht, gibt es klare Vorgaben, nicht um den Party-Fan auszubremsen, sondern den Bürger zu schützen.

Aber da gibt es doch einen Toleranzbereich. Gleichwohl gelten Sie in Greven schon als scharfer Ordnungsamtsleiter.

Schreiber: Ja, ja, gegen den Ruf habe ich auch nichts einzuwenden. Tatsache ist, dass wir hier in Greven sehr häufig die Grenzen überschreiten sowohl bei Zeit als auch bei Lärm. Die Konzerte hier auf dem Markt, die waren teilweise jenseits von Gut und Böse. Da wurden nach 22 Uhr auf dem Markt noch Dezibelwerte von 110 bis 120 gemessen. Das ist wie ein Presslufthammer. Und auch die Veranstaltungen am Beach gehen manches Mal darüber. Wenn man die Rechtsprechung konsequent durchsetzen würde, wären viele Veranstaltungen überhaupt nicht mehr machbar. Schützenfeste mitten in den Wohngebieten dürfte man eigentlich gar nicht zulassen.

Also werden doch Kompromisse gepflegt?

Schreiber: Da bleibt gar nichts anderes übrig. Die Alternative wäre ein Lärmgutachten auf Kosten der Veranstalter zu erstellen. Das schlägt das Land vor. Das ist aber gar nicht praktikabel, weil es so teuer ist. Da würden viele Veranstalter schon im Vorfeld das Handtuch werfen.

Wie sieht´s denn bei Großveranstaltungen wie Kirmes aus?

Schreiber: Da ist eigentlich um 22 Uhr Schluss. Man kann Ausnahmen zulassen. Wir bewegen uns da in Grenzbereichen und überschreiten sie häufig. Es geht auch hier vor allem um den Schutz der Bürger.

Da sind unangenehme Situationen programmiert. Ist das für Sie belastend?

Schreiber: Nein.

Müssen Sie nicht viel Kritik einstecken?

Schreiber: Nachdem wir die Lärmemissionen an Kirmes viele Jahre übersehen haben, haben wir 24 Uhr als Limit eingeführt. Die Wirte wollten zunächst gar nicht glauben, dass wir das tatsächlich auch kontrollieren. Haben wir aber, und die Regelung hat sich inzwischen eingespielt. Die Bürger haben nach dem Landesemissionsschutzgesetz einfach Anspruch auf ihre Nachtruhe. Die Grevener sind sehr duldsam.

Und warum regeln Sie das trotzdem so strikt?

Schreiber: Für mich ist das so, als würden Autofahrer immer mit 60 oder 70 durch die Stadt fahren und behaupten, es ist ja nichts passiert. Also: Der Bürger hat einen Anspruch, dass wir dafür sorgen, dass diese Grenzen eingehalten werden. Wir verhalten uns sehr moderat. Die Saerbecker Bürger mucken übrigens sehr viel schneller auf.

Siehe Streit um die Veranstaltungen im Bürgerhaus.

Schreiber: Genau.

Ist es denn angenehmer, den Bund fürs Leben als Standesbeamter zu schmieden?

Schreiber: Das mache ich seit 1984. Es ist eine sehr schöne Aufgabe.

Wie viele Ehen haben Sie geschlossen?

Schreiber: Als Bernhard Gringel, der übrigens auf den Tag genau mit mir angefangen hat, vor ein paar Monaten ausgeschieden ist, haben wir mal hochgerechnet und sind auf etwa 1000 Hochzeiten gekommen.

Sie wissen aber nicht, wie viele dieser Ehen gehalten haben?

Schreiber: Das ist nicht mehr unser Thema.

Jetzt ist Schluss. Fast 50 Jahre waren Sie ein sehr gefragter Mann, innen und außen. Jetzt fragt Sie bald keiner mehr. Vielleicht noch Ihre Frau. Haben Sie Angst vor der Bedeutungslosigkeit?

Schreiber: Zum einen nehme ich mich nicht so wichtig. Das andere ist schon, dass der Tag hier klar strukturiert ist und man ständig unter Dampf steht. Natürlich habe ich hier viele Kontakte zu Bürgern, Behörden, eine Kommunikation, die mit einem Mal weg ist. Das verändert das Leben kolossal. Das ist eine Lücke, die ich füllen muss. Vier Wochen Urlaub federn das ab.

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