Stefan Rochows Ausstieg aus dem NPD-Sumpf Gesucht, geirrt, gefunden

Saerbeck -

Sein langsamer Ausstieg aus der rechtsextremen Szene beginnt 2005 mit einer neuen Hinwendung zum Christentum. . „Für mich bekam die Aussage des Christentums, dass ein Mensch etwas wert ist, eben weil er ein Mensch ist, von Geburt an, dass er auch Würde und Rechte hat, wieder eine Bedeutung“, erzählt Rochow. Er besucht heimlich Gottesdienste, kehrt der NPD den Rücken, studiert Theologie im Fernstudium und tritt in die Kolpingsfamilie ein. Inzwischen ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter und Leiter des Ausstiegsprogramms „Exit Nord“.

Von Marlies Grüter
Nach seiner Hinwendung zum Christentum besucht Stefan heimlich Gottesdienste, kehrt der NPD den Rücken, studiert Theologie im Fernstudium und tritt in die Kolpingsfamilie ein. Am Mittwoch erzählte er seine ganze Geschichte.
Nach seiner Hinwendung zum Christentum besucht Stefan heimlich Gottesdienste, kehrt der NPD den Rücken, studiert Theologie im Fernstudium und tritt in die Kolpingsfamilie ein. Am Mittwoch erzählte er seine ganze Geschichte. Foto: Marlies Grüter

Die Spannung ist groß, als Stefan Rochow am Mittwochabend das Bürgerhaus betritt. Über 60 Interessierte haben sich eingefunden, die wissen möchten, wie ein junger Mensch zum Neonazi werden konnte und dann den Ausstieg geschafft hat. Auf Einladung des Arbeitskreises „Glauben leben“ der Kolpingsfamilie hat sich Rochow auf den Weg ins Münsterland gemacht – und weiß sich willkommen. Die Verbundenheit verrät ein kleiner Kolpinganstecker an seinem Revers, den der Saerbecker Kolpingvorsitzende Alfons Bücker und Präses Pastoralreferent Werner Heckmann sofort entdeckt haben. Stefan Rochow ist engagierter Kolpingbruder, Mitglied der Kolpingsfamilie Schwerin und Pressesprecher des Kolping-Diözesanverbandes Hamburg, zu dem die Schweriner Kolpingsfamilie gehört. Schnell hat er die Kolping-Zusammenhänge geklärt und nimmt die Besucher des Vortragsabends mit auf seinen Lebensweg.

Zwei Leitfragen gibt ihm Werner Heckmann an die Hand: Wie kommt ein kluger und intelligenter Mensch in den Sumpf der NPD und wie schafft es jemand, der so tief in den Strukturen steckt, Mut und Kraft zu entwickeln, da wieder herauszufinden und einen neuen Weg zu gehen?

Auf beide Fragen finden sich im einstündigen Vortrag von Stefan Rochow die Antworten, wenn er von seiner Suche, seinen Irrtümern, seinen Fehlern und seinem Ankommen im Christentum erzählt. Er ist redegewandt, hoch reflektiert und sehr präsent, spricht mit fester Stimme, unterstreicht seine Botschaften mit sparsamer, aber intensiver Gestik – Eigenschaften, die den jungen Rochow Ende der 1990er Jahre zum Hoffnungsträger der NPD werden ließen. Aufgewachsen in einem evangelisch geprägten Elternhaus in Greifswald entzieht dem damals 13-Jährigen die Wende 1989 ein Stück Heimat. „Das, was ich glaubte, als Heimat zu haben, war nicht mehr“, formuliert der heute 40-Jährige. Eine Gruppe von Skin-Heads an seiner Schule fasziniert ihn, später schließt Rochow sich als BWL-Student rechtsextremen Burschenschaften an und kommt 1998 mit der NPD in Berührung, wird 2003 zum Bundesvorsitzenden der JN (Junge Nationaldemokraten). „Ich war von der Ideologie mit einem klaren nationalistischen Weltbild überzeugt“, bekennt Rochow. „Da bist du wie in einem Raumschiff und blendest viele Dinge einfach aus.“

„Junge Menschen zwischen 13 und 16 Jahren sind besonders leicht ansprechbar für radikale Ideen“, stellt Stefan Rochow im anschließenden Gespräch mit den Besuchern des Vortragsabends fest. „Sie suchen nach Heimat, Anerkennung und Geborgenheit.“

Gibt es einen Rat für Eltern und Verantwortliche in Jugendverbänden, präventiv tätig zu werden? Rochow: „Hören Sie den Kindern und Jugendlichen genau zu und gehen Sie ins Gespräch.“

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