Medikamenten-Preisbindung „Das tut richtig weh“

Greven -

Der Europäische Gerichtshof hat die Medikamenten-Preisbindung für ausländische Apotheken aufgehoben. „Das tut den deutschen Apotheken richtig weh“, sagt dazu Apothekerin Ilse Mentrup und erklärt, warum billig manchmal fatal sein kann.

Von Peter Beckmann
„Früher nannte man uns Schubladenzieher, heute sind wir PC-Gucker.“ Apothekerin Ilse Mentrup ist nicht glücklich über die aktuelle Entwicklung.
„Früher nannte man uns Schubladenzieher, heute sind wir PC-Gucker.“ Apothekerin Ilse Mentrup ist nicht glücklich über die aktuelle Entwicklung. Foto: Peter Beckmann

Es gab einmal goldene Zeiten. Zeiten, in denen ein geflügeltes Wort geprägt wurde, das auch noch heute seine Bedeutung hat. Wer hat nicht schon mal, wenn er für irgendwelche Waren besonders viel bezahlen sollte, von Apothekenpreisen gesprochen? „Diese goldenen Zeiten sind lange vorbei“, sagt Ilse Mentrup . Sie betreibt die beiden Adler-Apotheken an der Königstraße und am Krankenhaus und ist geschockt von dem, was der Europäische Gerichtshof jetzt beschlossen hat. „Das tut den deutschen Apotheken richtig weh“, sagt sie.

Gemeint ist die Tatsache, dass ausländische Apotheken sich nicht mehr an die deutsche Medikamenten-Preisbindung halten müssen und damit Spielraum bekommen, verschreibungspflichtige Medikamente preisgünstiger abzugeben. Im Fall eines Kassenpatienten könnten die Versandapotheken Zuzahlungen erlassen oder Gutschriften ermöglichen.

Das kann doch für die Patienten nur gut sein, sollte man meinen. Die Kosten für die Gesundheitsvorsorge sind in den vergangenen Jahren ja auch erheblich gestiegen. Doch Ilse Mentrup hat einige Argumente, die diese Neureglung in ein anderes Licht stellen. Und natürlich kommt der Begriff „Beratung“ auf den Tisch.

Ein Argument, das doch besonders bei chronisch kranken Menschen, die eine Dauermedikation bekommen – das sind sicherlich die Ersten, die den Versand aus dem Ausland nutzen würden, um Geld zu sparen – wohl kaum zählen dürfte. „Gerade bei diesen Menschen ist Beratung ganz wichtig“, entgegnet Mentrup und verweist auf die Wechselwirkung von Medikamenten. „Wenn diese Menschen ein neues Medikament hinzu bekommen, kann das schlimme Folgen haben.“

Mentrup wird bei der Diskussion über das Urteil sehr emotional, bringt auch den Aspekt der Wertigkeit ins Gespräch. „Arzneimittel sind ein Gut, mit dem man nicht spekulieren sollte.“

Und grundsätzlich: „Wir haben in den vergangenen zehn, 15 Jahren viele Reformen gehabt, die uns das Leben und das Wirtschaften immer schwerer gemacht haben.“ Klar: Früher hätten die Apotheker sehr, sehr gut verdient. „Da hatten die Krankenkassen noch genug Geld, da wurde noch richtig herumgeaast“, gibt sie unumwunden zu. „Aber darunter müssen wir heute noch leiden.“

Mentrup spricht über das Thema Grundversorgung der Patienten, über die defizitären Notdienste. „Das alles muss natürlich gewährleistet, aber auch irgendwie für die Apotheker finanziell darstellbar sein“, erklärt sie.

Der Markt der nicht rezeptpflichtigen Medikamente ist inzwischen hart umkämpft – dank der vielen Versandapotheken im Internet. Ein ungleicher Wettbewerb, findet Mentrup. „Diese Versandapotheken sitzen irgendwo auf der grünen Wiese, haben ganz andere Immobilien- und Personalkosten.“

Und jetzt wird wohl demnächst auch das zweite Standbein, die rezeptpflichtigen Medikamente, hart umkämpft. „Es wird immer schwieriger eine Apotheke wirtschaftlich zu betreiben“, erklärt Mentrup. Nicht zuletzt in Greven , dass mit seinen elf Apotheken sehr gut versorgt ist – was eben auch für einen erhöhten Wettbewerb sorgt.

Das wirtschaftliche Risiko für Apotheker werde immer größer. „Und wir wissen nicht, welche Kreise das aktuelle Urteil noch zieht“, erklärt Mentrup und fragt sich, ob die deutschen Krankenkasse auch auf den Zug der Medikamentenbeschaffung im Ausland aufspringen.

So oder so: Die goldenen Zeiten für die Apotheken sind lange vorbei.

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