Grevener forschen am Fraunhofer-Institut Wenn der Löwenzahn richtig Gummi gibt

Greven/Münster -

Autoreifen aus Löwenzahn? Das ist kein Scherz. Der Grevener Dr. Christian Schulze Gronover und seine wissenschaftliche Mitarbeiterin Dr. Janina Epping treiben entsprechende Forschungen voran. Bald könnte der zähe Saft aus der Löwenzahnwurzel Kautschuk ersetzen.

Von Ulrich Reske
Russischer Löwenzahn: Durch Kreuzungen versuchen die beiden Grevener Wissenschaftler Dr. Christian Schulze Gronover und Dr. Janina Epping den kautschukhaltigen Milchausstoß der Pflanzen zu verbessern.
Russischer Löwenzahn: Durch Kreuzungen versuchen die beiden Grevener Wissenschaftler Dr. Christian Schulze Gronover und Dr. Janina Epping den kautschukhaltigen Milchausstoß der Pflanzen zu verbessern. Foto: Ulrich Reske

Frühmorgens kommt der Tapper in die Gummibaumplantage, ritzt die Rinde des Kautschukbaums an. Unaufhörlich tropft die „Träne des Baums“ in das Behältnis. Baum um Baum wird geritzt. Ein Knochenjob, der in Vietnam und anderen Kautschuk produzierenden Ländern Südostasiens gerade mal mit einem Euro pro Tag vergütet wird. Der mühsam gewonnene Rohstoff ist für die Reifenherstellung unverzichtbar.

Szenenwechsel: Schlossplatz 8, Münster. Im Fraunhofer-Institut für Molekular-Biologie und angewandte Ökologie begutachten Laborchef Dr. Christian Schulze Gronover und seine wissenschaftliche Mitarbeiterin Dr. Janina Epping ihre kleine Löwenzahnkultur. Die kräftig gezackten Blätter breiten sich sternförmig um die dottergelbe Blüte, die Kopf und Hals zum hellen Pflanzenschutzlicht reckt. Doch Blätter und Blüten dieses kaukasischen Löwenzahnexemplars interessieren die beiden Grevener Wissenschaftler nur sekundär. Es sind die Wurzeln, denen sie und weitere Mitarbeiter des Instituts, das vom Molekularbiologen Prof. Dirk Prüfer geleitet wird, ihre Aufmerksamkeit schenken. Aus eben diesen Wurzeln lässt sich Kautschuksaft gewinnen, der im heimischen Löwenzahn nur in Spuren vorkommt. Die Wurzel des Wildkrauts – eine Plage für manchen Gartenfreund – ist nicht nur Grundlage für die Reifenproduktion, der milchige Stoff ist auch die Basis für Kondome und Latex-Handschuhe.

Löwenzahn, Schnee von gestern? Ein bisschen schon, denn bereits Anfang des 20. Jahrhunderts experimentierten Wissenschaftler in Sachen Gummigewinnung mit dem Löwenzahn. Allerdings erfolglos. Auch 40 Jahre später im Nachkriegs-Deutschland blieben Versuche stecken, eine Alternative zum Hevea brasiliensis, dem Kautschukbaum, zu finden. Doch auch die Wissenschaftler in diesen Jahren hatten bereits die hohe Kautschuk-Effektivität des russischen Löwenzahns im Fokus.

Ortswechsel: Im Contidrom nördlich von Hannover und im schwedischen Arvidjaur hat die Reifenfirma Continental die ersten Tests mit Reifen aus einer rein aus Löwenzahn gewonnenen Kautschuk-Lauffläche durchgeführt. „Erfolgreich“, wie die beiden Wissenschaftler am Schlossplatz bestätigen. Es ist schon weit gediehen mit der Alternative zum Kautschukbaum.

Der Wunsch nach der Unabhängigkeit von den „Tränen des Baums“ ist in den vergangenen Jahren deutlich gewachsen. „Durch eine Pilzerkrankung wurde der kommerzielle Anbau von Hevea brasiliensis in Brasilien völlig ausgerottet“, nennt Christian Schulze Gronover einen wichtigen Grund. Ein weiterer sind die Veränderung des Weltmarktes. In den Anbaugebieten Südostasiens werden immer, wenn der Rohstoffpreis für Kautschuk in den Keller geht, ganze Plantagen stillgelegt. „Stattdessen werden Palmölplantagen angelegt.“ Das ärgert Continental und die Branche. Wichtig ist für die beiden Molekularbiologen aber auch der ökologische Aspekt. „In Ländern wie Thailand, Malaysia und Vietnam wird rigoros der Regenwald für Kautschukplantagen abgeholzt.“

Die Rohstoffverknappung macht der Reifenindustrie zu schaffen. Vor allem auch, weil durch das Wachstum in Ländern wie China und Indien der Reifenbedarf kontinuierlich steigt. Bei 27 Millionen Tonnen Kautschuk liegt derzeit der Jahresbedarf.

Wie aber soll der Löwenzahn mit seiner Milch diesen Bedarf befriedigen? Größer als ein Tennisball ist der schwarze Klumpen, zudem von zäher Konsistenz. Christian Schulze Gronover holt ihn aus der Schublade, wirft ihn auf den Boden, lässt ihn noch einmal auftitschen. Klar, so sind die Eigenschaften eines Gummiballs. Der Kautschuk aus 40, maximal 50 Löwenzahnwurzeln reiche, um diese schwarze Kugel zu bilden, schätzt Ballspieler Schulze Gronover. Auch für künftige Löwenzahnfelder gibt es gesicherte Ertragsprognosen: „Eine Tonne pro Hektar.“ Sorgen, dass Löwenzahn-Monokulturen künftig die Felder des Münsterlandes prägen, teilen die Wissenschaftler nicht. Die anspruchslosen russischen Pflanzen begnügen sich mit marginalen Böden. „Auf unserem Hof in Greven wird es keinen Löwenzahnanbau geben“, schmunzelt der Biologe, der selbst landwirtschaftliche Grevener Wurzeln hat.

Könnte nicht synthetisch hergestellter Kautschuk die Abhängigkeit von den Gummibaum-Plantagen lösen? Auch dazu gibt es ein klares Nein der beiden Wissenschaftler. Winterreifen, Lastwagen-Pneus und Räder von Flugzeugen können nur mit Naturkautschuk produziert werden. Der ist einfach besser. „Da ist man längst noch nicht allen Geheimnissen der Natur auf die Spur gekommen.“

Besser ist der Kautschuk aus Löwenzahn auch in anderer Hinsicht: Immer mehr Menschen reagieren allergisch auf Latexprodukte vom Gummibaum. „Sechs Prozent können keine Kondome überstreifen, gar 20 Prozent keine Latex-Handschuhe.“ Diese allergenen Stoffe habe man hingegen im Kautschuk aus Löwenzahn nicht festgestellt, bilanziert Janina Epping.

Löwenzahnfelder gibt es schon. Doch die Standorte möchte man noch nicht preisgeben. „Im Süden, im Norden, nicht in Westfalen.“ Nein, mit Geheimnistuerei, hat das nichts zu tun, eher mit der Verbindung von Forschung und konkreter industrieller Anwendung. Und nicht nur in Münster wird zu Alternativen zu den Gummibaumplantagen geforscht. In den USA haben Wissenschaftler die Guayule als Kautschuklieferanten im Auge, ein Strauch, der im trockenen Grenzgebiet zu Mexiko wächst. Und auch in anderen europäischen Ländern ist man alternativen Gewinnungsmöglichkeiten auf der Spur.

Münsters Forschung allerdings ist spitze. Auch weil das Fraunhofer Institut, die Universität und der größte deutsche Reifenhersteller an einem Strang ziehen. Gewürdigt wurde diese herausragende wissenschaftliche Leistung in diesem Sommer durch den „Joseph-von-Fraunhofer-Preis“, den die münsterischen Biologen und der Reifenhersteller Continental für die anwendungsnahe Kooperation entgegen nehmen durften.

Der wissenschaftliche Preis dürfte sich in ein paar Jahren vergolden: Ab 2020 soll nämlich der Reifen auf Löwenzahn-Kautschuk-Basis in die Großproduktion gehen.

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