Interview mit Joel Matip „Schalke ist etwas Besonderes“

Gelsenkirchen -

In seinem ersten Interview seit der Bekanntgabe des Wechsels zu Liverpool äußert sich Joel Matip, gebürtiger ­Bochumer über Heimat im Allgemeinen und seine Schalker insbesondere. Zwei Sachen werden deutlich: Die Verbundenheit des 24-Jährigen mit den Königsblauen und die Vorfreude auf die Herausforderung Premier League.

Von Jürgen Beckgerd
In der Schalker Innenverteidigung gesetzt: Joel Matip, der bislang 185 Bundesligaspiele (17 Tore) für die „Knappen“ absolvierte, wechselt im Sommer zum FC Liverpool.
In der Schalker Innenverteidigung gesetzt: Joel Matip, der bislang 185 Bundesligaspiele (17 Tore) für die „Knappen“ absolvierte, wechselt im Sommer zum FC Liverpool. Foto: Witters

Am 15. Fe­bruar gab Joel Matip bekannt, dass er vom Fußball-Bundesligisten FC Schalke 04 zum Premier-League-Club FC Liverpool mit seinem deutschen Trainer Jürgen Klopp wechseln wird. Schalke, das mit der Vertragsverlängerung von Kapitän Benedikt Höwedes kurz zuvor sein „Malocher-Image“ polierte („Kohle geht – Kumpel bleiben“), schaut in die Röhre: Matip wechselt im Sommer ablösefrei. In seinem ersten Interview seit der Bekanntgabe äußert sich der 24-jährige gebürtige ­Bochumer über Heimat im Allgemeinen und seine Schalker insbesondere, über seine Verbundenheit mit dem Revierclub, dem er 16 Jahre die Treue gehalten und dem er seine Kindheit und Jugend geopfert hat. Und zu der aktuellen Diskussion in Deutschland über Integration, Migration und Flüchtlingshilfe. Matips Vater ist Kameruner, seine Mutter ist Deutsche. Das Interview führte unser Redaktions­mitglied Jürgen Beckgerd.

Sind Sie traurig? (Joel Matip hat nun zwei Möglichkeiten, die Frage zu interpretieren: sie auf seinen baldigen Abschied oder die aktuelle Situation – Tabellenplatz vier – des FC Schalke zu münzen. Er bevorzugt Ersteres).

Joel Matip: Inwiefern? Ich freue mich auf die neue Aufgabe. Es war eine sehr intensive und schöne Zeit hier, die nun vorbeigeht. Bald gibt es ein neues Kapitel. Ich freue mich auf die letzten Spiele.

Sie hätten auch anders antworten können; traurig, weil es auf Schalke schon wieder unruhig wird . . .

Matip: Schalke ist halt ein Verein, wo große Emotionen zu Hause sind. Schalke ist etwas Besonderes.

Ihre Verbundenheit zu dem Verein, dem Sie nun schon 16 Jahre angehören: Kann man diese beschreiben?

Matip: Hier bin ich groß geworden, hier bin ich aufgewachsen, hier habe ich meine Kindheit, meine Schulzeit, hier habe ich mein Leben verbracht. Ich bin auf das Teilzeitinternat gekommen, hier war mein Zuhause. Klar ist das jetzt ein enormer Schritt, den ich mache, von dem bin ich aber überzeugt.

Sie haben Ihre Kindheit, Ihre Jugend dafür aufgegeben ...

Matip: Klar. Jeder, der Fußballprofi wird, muss Opfer bringen. Das gehört dazu. Ich hatte das Glück, dass es am Ende des Tages belohnt wird. Andere haben das Glück nicht, auch wenn sie alles dafür geben. Ich habe Opfer gebracht, aber ich habe sie gerne gebracht, auch wenn´s nicht immer leicht war.

Nehmen Sie sich mal die Zeit, in der Sie das reflektieren und fragen, ob Sie alles richtig gemacht haben?

Matip: Schon als ich auf die Gelsenkirchener Schule gekommen bin, war das ein enormer Schritt. Das hätte ja auch komplett anders ausgehen können. Aber da ich schon zur Schulzeit recht aktiv bei den Profis war, war eigentlich klar, dass ich das auch so weitermachen würde.

War das für Sie ein Glücksfall?

Matip: Auf jeden Fall. Als ich dann mein Abitur gemacht habe, war mir die Entscheidung schon ein wenig abgenommen . . .

Wissen Sie noch Ihren Abi- Schnitt?

Matip (auch jetzt wirkt der Profi kein bisschen verlegen. Aus gutem Grund ): Zweikommanull. Es war nur am Ende etwas stressig mit den Auswärtsfahrten.

Hat sich Schalke für Sie als so etwas wie eine Heimat dargestellt?

Matip: Wenn man hier quasi jeden Tag verbracht hat, ist das natürlich meine Heimat geworden. Meine Freunde kommen hierher . . .

Existiert für Sie so ein fester Begriff von Heimat, von Zu-Hause-Sein?

Matip: Das ist für mich hier im Ruhrgebiet. Da ist natürlich Schalke. Bei meinen Eltern in Bochum und meinen Freunden. Wo ich groß geworden bin, das ist für mich Heimat.

Dort, wo Ihre Großeltern wohnten, Ihr Vater herstammt: Ist das für Sie auch Ihre Heimat?

Matip: Natürlich, auch auf eine gewisse Weise. Allein durch die Familie. Auch wenn ich dafür nicht allzu viel Zeit aufbringen kann. Die Verbundenheit ist zu beiden da, wenn auch dort etwas entfernt.

Wir führen in Deutschland eine solche Debatte. Über Heimat, Herkunft, Zugehörigkeit. Wie erleben Sie ­diese Diskussion?

Matip (der Mann kann ­seine glatte Stirn auch in Falten legen; er denkt länger nach, ehe er antwortet): Sie beschäftigt einen, ist aber sehr komplex. Auch vor ­meinem eigenen Hintergrund. Man sollte Menschen, die Hilfe suchen und aus Kriegs­gebieten kommen auf jeden Fall auch jede mögliche Hilfe geben. Bei allen unterschiedlichen Faktoren, die man ­dabei zu beachten hat, muss das an erster Stelle stehen.

Berührt Sie diese Diskussion, die ja so kontrovers geführt wird?

Matip: Klar. Das geht nicht so leicht an einem vorbei. Vor allem, wenn man einen Migrationshintergrund hat und hier geboren wurde. Aber nichtsdestotrotz trage ich diesen Migrationshintergrund und das mit Stolz. Aber ja, es bleibt ein schwieriges Thema.

Sie werden nun im Sommer eine weitere, eine neue Heimat kennenlernen ...

Matip: Ich hoffe, dass es zu meiner zweiten Heimat wird. Auf jeden Fall ist es zunächst eine neue Herausforderung. Ich hoffe, dass ich mich so wohlfühle, dass ich Liverpool als mein Zuhause bezeichnen kann.

Können Sie Englisch?

Matip (jetzt ist die Stirn wieder etwas glatter, alles ­ist wieder entspannt): Ja klar, auch wenn es ­ mit den Sprachen immer ein wenig gehapert hat. Ich war eher der naturwissenschaftliche Typ . . .

Im Ernst? (die anfängliche Sympathie des Interviewers droht zu kippen)

Matip: Verständigen kann ich mich schon ganz gut. Ich konnte aber immer besser Mathe, Bio, Physik, Chemie.

Ihr neuer Trainer Jürgen Klopp hat mal „wahre Klasse“ an Ihnen erkannt. Macht Sie so etwas stolz?

Matip: Schön, wenn meine Qualität anerkannt wird.

Zurzeit wird ein wachsender Einfluss von Spieler­beratern bei Vereinswechseln diskutiert . . .

Matip (schmunzelt, die Frage ist ja angesichts seines allerersten Wechsels wohl unangebracht, und so sieht er das auch): Am Ende bin ich es, der ­entscheidet und entschieden hat. Mein Umfeld hat mir jedenfalls alle Hilfe­stellung gegeben, damit alles klappt. . .

. . . selbst die Fans haben erstaunlich gelassen reagiert.

Matip: Das hat mich auch gefreut. Klar, hat der eine oder andere sich wahrscheinlich gewünscht dass ich verlängere. Aber ich bin gut empfangen worden; sie akzeptieren meinen Entschluss, und darüber bin ich froh.

Was erwarten Sie denn von Ihrem Engagement in Großbritannien?

Matip: Eine richtig coole Liga mit richtig coolen ­Vereinen und richtig coolen Gegnern. Und das alles in einem richtig coolen Verein. (Jetzt kommt richtig Spaß auf. Matip lacht, was das Zeug hält. Der freut sich wirklich.) Etwas Neues einfach nach 16 Jahren. Und die Hoffnung, der etwas unterschiedlichen Anforderungen dort noch etwas besser zu werden.

Angst, dass es nicht klappen könnte?

Matip: Nein. Angst ist ein schlechter Ratgeber. Man muss schon von sich selbst überzeugt sein.

Was müssen Sie denn noch verbessern?

Matip: Die englische Liga gilt ja als etwas körperlicher. Ich denke, dass ich mich da noch etwas anpassen muss. Die Art Fußball zu spielen ist dort ein wenig anders.

Was bedeutet denn Fußball für Sie, außer dass es ein Broterwerb ist?

Matip: Fußball begleitet mich von klein auf. An­gefangen bei meinem großen Bruder (Marvin, 30, spielt beim FC Ingolstadt in der Bundesliga), mit dem ich immer mithalten wollte. Fußball ist Spaß, wenn ich mit meinen Freunden einfach bolze. Er hat mich mein ganzes Leben begleitet.

Schwer vorstellbar, dass Sie außerhalb des Stadions, außerhalb des Trainingsplatzes auf dem Bolzplatz spielen . . .

Matip: Im Urlaub ist mal Zeit dafür. Ohne große Zweikämpfe natürlich. Es juckt einen in den Beinen, wenn man in der Sommerpause mal zwei, drei Wochen keinen Ball gespürt hat. Auch wenn’s verrückt klingt (kein Widerspruch). Ich spiele ganz gerne Tennis, auch wenn ich es nicht so gut kann . . .

Geben Sie eigentlich gerne Interviews?

Matip: Nein. (Das saß. Pause. Matip ist das Apodiktische in seiner Antwort wohl ein ganz kleines bisschen peinlich). Ich hoffe, dass ich das jetzt nicht so unfreundlich rübergebracht habe. Es gibt halt Dinge, die ich gerne mache, und das gehört eben nicht dazu. ( Zugegeben: Die Schalker Profis hatten an diesem Donnerstag frei. Matip nicht. Er stand für das Gespräch zur Verfügung. Wie versprochen).

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