Gewalt gegen Flüchtlingsfrauen Angst lässt die Gewalt erdulden

Kreis Steinfurt -

Frauen und Mädchen auf der Flucht erleben nicht selten brutale Gewalt. Und auch in Deutschland sind sie nicht sicher vor Übergriffen. Doch die Meisten schweigen – aus Angst, keinen Aufenthaltsstatus zu bekommen. Eine Fachtagung im Steinfurter Kreishaus setzte sich mit dem Thema auseinander.

Von Achim Giersberg
Mit Sorge sehen Flüchtlingsfrauen ihrem Alltag im neuen Land entgegen. Das kleine Foto zeigt (v.r.) die Referentinnen Beshid Najafi, Dorothee Feller und Claudia Zimmermann-Schwartz; daneben Landrat Klaus Effing
Mit Sorge sehen Flüchtlingsfrauen ihrem Alltag im neuen Land entgegen. Das kleine Foto zeigt (v.r.) die Referentinnen Beshid Najafi, Dorothee Feller und Claudia Zimmermann-Schwartz; daneben Landrat Klaus Effing Foto: dpa/Achim Giersberg

In einem waren sich alle Teilnehmer der Diskussionsrunde einig: Reale Zahlen über von Gewalt betroffene Flüchtlingsfrauen und -mädchen gibt es nicht, aber die Dunkelziffer dürfte auch im Kreis Steinfurt sehr hoch sein. Und: Es wird vermutet, dass die Frauen Gewalttaten nicht anzeigen, weil sie fürchten, dann keinen Aufenthaltsstatus zu bekommen. Die Angst, sich zu öffnen, sei sehr, sehr hoch. Wie diesen Frauen zu helfen ist, das war ein Thema der Fachtagung „Flucht - Frauen - Gewalt: Wege aus der Gewalt im Kreis Steinfurt“, die am Donnerstagnachmittag fast 200 Teilnehmer in den Großen Sitzungssaal des Kreishauses führte.

„Wir müssen den Frauen zeigen, dass sie Rechte haben"

Mit rund 7500 Flüchtlingen habe der Kreis in den vergangenen zwei Jahren eine „25. Kommune“ hinzu gewonnen, meinte Landrat Dr. Klaus Effing zur Begrüßung. In Bezug auf Flüchtlingsfrauen, die häufig auf ihrer Flucht Gewalt erfahren hätten meinte er: „Wir müssen den Frauen zeigen, dass sie Rechte haben, vor allem das Recht, Nein zu sagen.“

Auch in Erstaufnahmeeinrichtungen habe es Fälle von sexueller Gewalt gegeben

Claudia Zimmermann-Schwartz, Leiterin der Abteilung „Emanzipation“ im Ministerium für Gesundheit, Emanzipation, Pflege und Alter des Landes NRW, sprach von der „bitteren Erkenntnis“ vieler Frauen, dass ihnen angetane Gewalt in Deutschland nicht aufhört; auch in Erstaufnahmeeinrichtungen habe es Fälle von sexueller Gewalt gegeben. Sie verwies u.a. auf eine von der Landesregierung in Auftrag gegebene Smartphone-App für weibliche Flüchtlinge, über die sie in mehreren Sprachen Beratung bekämen.

Fälle auch im Kreis Steinfurt im höheren zweistelligen Bereich

Regierungsvizepräsidentin Dorothee Feller erläuterte das Aufnahmesystem für Flüchtlinge und betone, es gebe im Regierungsbezirk keine Turnhallen-Unterkünfte mehr, die durch ihre Enge Konflikte forcierten. Viele Frauen seien auf der Flucht vergewaltigt worden und nun schwanger – solche Fälle gebe es auch im Kreis Steinfurt im höheren zweistelligen Bereich.

Besser über frauenspezifische Asylgründe aufklären

Dass Flüchtlingsfrauen zwar eine Abreibung bezahlt werde, aber nicht Verhütung, kritisierte Beshid Najafi vom Kölner Beratungsverein „asgira“. Sie appellierte daran, Deutschkenntnisse nicht zur zwingenden Vorbedingung für Beratung zu machen, sondern mehr Dolmetscher einzusetzen. Und sie betonte, dass es frauenspezifische Asylgründe gebe, über die besser aufgeklärt werden müsse: Witwenverbrennung, Zwangsehe, Zwangsverschleierung, Zwangsprostitution, Genitalverstümmelung.

Kreisweit vernetzen

Landrat Klaus Effing äußerte am Ende von sehr informativen drei Stunden die Hoffnung, dass das Kommunale Integrationszentrum sich als kreisweite Vernetzungsstelle etablieren und mit anderen Netzwerken neue Projekte anstoßen werde. Es sei ihm zudem ein großes Anliegen, die Arbeit des „Runden Tisches“, der auch diese Tagung organisiert hatte, zu unterstützen.

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