Diskussion um G8/G9 Rückkehr wäre ein Schritt zurück

Steinfurt -

„Bevor wir wieder zu G9 zurückgehen würden, müsste es eine lange Phase mit einer wohl überlegten Vorbereitung geben.“ Hermann Voss, Leiter des Borghorster Gymnasiums, hat bei dem derzeit heiß diskutierten Thema eine klare Meinung. Er favorisiert das Turbo-Abi.

Von Max Roll
 
  Foto: Armin Weigel

Der Umstieg sei allen Beteiligten nicht leicht gefallen, betont der Schulleiter. „G8 ist ein Produkt politischen Willens gewesen. Ich habe seinerzeit keine Eltern, Schüler oder Lehrer gehört, die gesagt haben, dass sie schneller mit der Schule durch sein wollen. Die Idee kam aus der Wirtschaft“, blickt Voss zurück. Mit dieser Meinung steht er nicht alleine da. Einige Politiker sind der Ansicht, dass das Turbo-Abi zu schnell und ohne genug Vorbereitung eingeführt wurde. Doch auch wenn es momentan viel Kritik hagelt und andere Länder zurückrudern, sollte, so betont der Pädagoge, bedacht werden, dass eine mögliche Wiedereinführung des alten Systems gut überlegt und vor allem vorbereitet sein will. Voss: „Einem unbefriedigendem G8 sollte kein schlechteres G9 folgen.“

Voss mahnt zur Geduld: Es dauere zwischen fünf und acht Jahren, bis sich ein neues System etabliert hat und in dieser Zeit herrscht meistens eine hohe Unzufriedenheit. Jetzt gerade erst sei diese Zeit rum. „Wir haben neue Schulbücher, neue Lehrpläne und die Kollegen haben sich auch nun darauf eingestellt. Das jetzt alles wieder zu ändern ist nicht nur viel Arbeit, sondern für Schüler, Lehrer und Eltern ohne ausreichende Vorbereitung eine Zumutung. Das möchte ich keinem antun“, bezieht der Schulleiter Stellung.

Zumindest auf den Ganztagsunterricht hätte eine Rückkehr zum alten System kaum Auswirkungen. „G9 heißt nicht automatisch Kurztag“, stellt Voss klar. Der Ganztagsunterricht sei inzwischen fest etabliert. Schon in der Grundschule steige der Bedarf stetig, Schüler länger als 13 Uhr in der Schule zu behalten. Voss glaubt, dass sich sehr wahrscheinlich auch mit einer um ein Jahr erweiterten Schulzeit die aktuelle Ganztagsnachfrage halten würde. Unter anderem auch, weil viele Schulen sich gerade erst eine neue Mensa gebaut hätten und diese ohne langen Unterricht ihre eigentliche Funktion nicht mehr erfüllen könne.

Sollte G9 wieder eingeführt werden, sieht der Schulleiter des Gymbos eine Schwierigkeit bei den Ressourcen, die eben nicht jede Schule zur Verfügung habe. „Wir sind gerade so weit, dass wir die Pavillons nicht mehr so stark benutzen müssen. Hinzu kommt die räumliche Versorgung von Inklusions- und Flüchtlingsklassen. Mit einem zusätzlichen Jahrgang müssen wir neue Räume haben und dazu auch neue Bücher und vor allem mehr Personal. Die Schüler müssen ausreichend betreut werden, und das können wir mit den vorhandenen Ressourcen nicht leisten.“

Aus Schüler- und Elternsicht wäre das zusätzliche Jahr mehr gut. Es bleibe Zeit, sich mit allen Schulthemen ausreichend zu beschäftigen und auch in Anbetracht der Berufsorientierung sei es sinnvoll. Viele Schüler wüssten zum Zeitpunkt ihres Abschlusses nicht, was sie machen wollen. Laut Statistiken ist das Durchschnittsalter von Studenten nicht gesunken, dementsprechend hat die Wirtschaft noch keinen Profit aus dem verkürzten System schlagen können.

Eine ähnliche Meinung vertritt Heinz Stienhenser. „Wir haben uns gut in das neue System eingefunden. Alle Lehrpläne sind umgeschrieben und alle Materialien vorhanden. Jetzt wieder zurück zu gehen, ist nicht nur viel Arbeit für Lehrer und Schüler, sondern auch finanziell ein Problem“, sagt der stellvertretende Direktor des Gymnasiums Arnoldinum. Das Burgsteinfurter Gymnasium geht mit einem offenen Ganztag an die verkürzte Schulzeit heran. Das bedeutet, dass Schüler der fünften und sechsten Klassen nur dann nachmittags bleiben, wenn Bedarf besteht. Ab der siebten Klasse wird es dann langsam mehr mit richtigem Nachmittagsunterricht. „Bisher sind wir damit gut zurecht gekommen. Es entlastet die Schüler und wir können die individuelle Förderung gerade für die jungen Schüler in den Nachmittag legen“, berichtet Stienhenser.

Eine in die Diskussion um G8/G9 eingebrachte Alternative ist das sogenannte Flexi-Jahr. Damit sollen Schüler selber entscheiden, ob sie ein Jahr länger bleiben wollen oder nicht. „Es ist schwierig, dieses Flexi-Jahr umzusetzen. Sinn macht es nur, wenn manche ein Jahr ins Ausland gehen wollen, damit sie nichts wichtiges verpassen“, sagen sowohl Voss als auch Stienhenser.

Und was meinen die Schüler? „So kurz vor dem Abschluss ist es uns jetzt egal, ob wir G8 oder G9 machen. Früher in den unteren Stufen hat man es schon gemerkt. Oft mussten wir bis 15.30 Uhr in der Schule bleiben und auch noch Hausaufgaben machen, welche ja inzwischen sogar wegfallen. Wenn wir es uns aussuchen könnten, dann hätten wir lieber ein Jahr länger gemacht“, meint ein Vertreter der SV des Gymnasiums Borghorst .

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