Amokfahrt am Kiepenkerl Wie sich Gerüchte den Weg bahnen

Münster -

Rasend schnell verbreitete sich vergangene Woche die Nachricht über ein schreckliches Unglück in Münsters Altstadt. Kaum waren Sirenen zu hören, da kursierten schon die ersten Gerüchte. Auf der Spur des „Stille-Post“-Problems.

Von Anne Koslowski
Amokfahrt am Kiepenkerl: Wie sich Gerüchte den Weg bahnen
Nach der Amokfahrt im Kiepenkerlviertel am 7. April verbreiteten sich schnell zahlreiche Gerüchte. Foto: Colourbox.de/Gunnar A. Pier

Die Nachricht über ein schreckliches Unglück am Samstag in Münsters Altstadt verbreitete sich rasend schnell. Kaum waren Sirenen zu hören, da kursierten schon die ersten Gerüchte. „Als uns eine Kellnerin erzählte, dass es Tote geben soll, habe ich das gar nicht ernst genommen“, sagt eine Besucherin einer Kneipe, die sich nur 450 Meter vom Kiepenkerlplatz entfernt befindet – dort, wo am Samstagnachmittag Jens R. mit seinem Campingbus in eine Menschenmenge fuhr.

Während sich die Nachricht über Todesopfer später tragischerweise bestätigte, verbreiteten sich auch Geschichten, die sich als völlig haltlos erwiesen. Woher kamen sie und wieso verbreiteten sie sich so schnell?

„Früher gab es auch Gerüchte, aber die blieben im kleinen Kreis“, sagt Kommunikationswissenschaftler Professor Dr. Stefan Jarolimek von der Deutschen Hochschule für Polizei in Münster. Heute dagegen verbreiteten sich Informationen beinah in Echtzeit. „So schnell kann man gar nicht reagieren.“ Vom Anschlag auf den Marathon in Boston im Jahr 2013 habe es bereits eine Minute nach der Bomben-Explosion das erste Video gegeben. Soziale Medien spielten dabei „eine extrem große Rolle“, so Jarolimek.

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Soziale Medien spielen dabei eine extrem große Rolle.

Prof. Dr. Stefan Jarolimek

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Prof. Dr. Stefan Jarolimek Foto: DHPo

„Vermutungen werden schnell zu Tatsachen“

Gerüchte entstehen zu einem Zeitpunkt, an dem die Lage noch unübersichtlich ist, auch für die Polizei. „Dann gibt es immer Experten, die etwas wissen oder vorgeben, etwas zu wissen“, sagt der Leiter des Fachgebietes Kommunikationswissenschaft. Diese Informationen bewegen sich zunächst häufig in geschlossenen Gruppen wie beim Nachrichtendienst WhatsApp. Nach dem Stille-Post-Prinzip werden sie weitergegeben – und damit verfremdet. „Einer hat etwas gehört, und wenn eine weitere Person so etwas Ähnliches gehört hat, dann haben es schon zwei gehört – und dann muss es ja stimmen.“

Die wenigsten machten sich die Mühe, zwischen Fakten und Vermutungen zu unterscheiden, und so „werden Vermutungen schnell zu Tatsachen“, schreibt Kommunikationsberater Marcus Knill auf seiner Webseite Rhetorik.ch. Ist ein Gerücht erst einmal öffentlich, lässt es sich kaum noch unterdrücken. Diejenigen, die es lesen, sind verunsichert. Die Polizei muss es auf seinen Wahrheitsgehalt prüfen. „Das macht Mehrarbeit und hat erheblichen Einfluss auf die Lagebereinigung“, sagt Jarolimek.

Angst beschleunigt Gerüchte

In der Zwischenzeit wird weiterspekuliert, denn Angst ist einer der besten Gerüchtebeschleuniger und „der ‚Wissende‘ kann seine Wichtigkeit genießen“, schreibt Knill. Es wird versucht, das Informationsvakuum zu füllen und den sozialen Zusammenhalt zu stärken – oder aber andere auszugrenzen. Denn es gibt auch Gerüchte, die darauf abzielen, andere zu schädigen, eine Bewegung in Gang zu setzen und sogar in die Wirklichkeit einzugreifen.

Falsche Täterbilder verbreitet

So ist die Verbreitung falscher Täterbilder nach der Amokfahrt zu erklären, die einen Münsteraner mit Mi­grationshintergrund zeigen, der einem österreichischen Fernsehsender ein Interview über Münster gab und dessen Foto daraufhin von AfD-Politikern und -Anhängern missbräuchlich verbreitet wurde. „Das sind eigentlich gar keine Gerüchte, das sind Falschbehauptungen“, sagt Jarolimek. Der Kommunikationswissenschaftler macht noch eine dritte Art von Gerüchten aus: Solche, die aufgrund von Augenzeugenberichten sofort öffentlich werden. Nach dem Motto „jemand glaubt, etwas gesehen zu haben“ dürfte auch der Verdacht entstanden sein, dass es weitere Täter gegeben habe. Stefan Jarolimek erklärt das so: Jemand hat zwei am Boden liegende Personen aufstehen und in Panik wegrennen sehen.

Wer sich Gerüchten entziehen möchte, sollte sich an offizielle Stellen als Quellen halten, „die ein hohes Vertrauen genießen“, empfiehlt der Kommunikationsexperte. Solch eine Quelle könne das offizielle Twitter-Profil der Polizei sein, wenngleich auch die nicht jede Informationslücke schließen kann, denn: „Ermittlungsarbeit braucht Zeit“.

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