Walter Sittler als Erich Kästner in Münster Eine Kindheit in Dresden

Münster -

Walter Sittler zieht die Leute an, und so waren es am Freitagabend auf Einladung von Weverinck Management über 800 Gäste, die das Große Haus des Theaters Münster füllten. 

Von Johannes Loy
Walter Sittler schlüpfte in seinem Erfolgsstück in die Rolle Erich Kästners und erzählt: „Als ich ein kleiner Junge war ...“
Walter Sittler schlüpfte in seinem Erfolgsstück in die Rolle Erich Kästners und erzählt: „Als ich ein kleiner Junge war ...“ Foto: Matthias Ahlke

Wenn der Stuttgarter Schauspieler als ZDF-Ermittler auf Gotland mitunter auch kühl wirkt: Hier in Münster und in diesem Ein-Mann-Stück in der Rolle Erich Kästners, der über seine Kindheit berichtet, blüht er auf. Das Publikum fühlt sich zurückversetzt in ein malerisches Dresden zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Dieses Dresden gibt es heute nicht mehr. Kriege haben die Welt des 20. Jahrhunderts umgepflügt. Und in den 50er Jahren, als Kästner auf seine Kindheit zurückblickte, war Dresden weithin eine graue Ruinenstadt. Das hat sich gottlob zum Besseren gewendet.

Im graubraunen Anzug mit Weste betritt Sittler die Bühne, auf der eine lange Bank für die ihn begleitenden sechs Musikerinnen und Musiker steht. Sie vermitteln mit ihren nach Unterhaltungsmusik des frühen 20. Jahrhunderts klingenden Stücken eine Atmosphäre, wie sie Kästner, den Journalisten, Publizisten und fabelhaften Kinderbuchschriftsteller, geprägt haben mag. In moderatem Ton, nur sparsam gestikulierend, erzählt Sittler als Kästner von seinen Eltern, die 1890 heiraten. Vom Vater, dem akkurat arbeitenden Sattler, den Maschinisierung und Motorisierung in die Not treiben, von der Mutter, die nur diesen einen Jungen 1897 zur Welt bringt, ihn verhätschelt und als Friseuse etwas hinzuverdient. Vom unbeschwerten Leben in unterschiedlichen Etagen an der Dresdner Königsbrücker Straße. „Wir zogen tiefer, als es mit uns bergauf ging“, so schreibt Kästner. Fernweh haben die Kästners nicht, man bleibt lieber zu Hause.

Teil zwei des Abends, den Walter Sittler seit 2005 schon über 200 Mal präsentiert hat, beschert Nachdenklichkeit. Zunächst das kompliziert zelebrierte Weihnachtsfest bei den Kästners, bei dem der junge Erich zwischen „Geschenkgebirgen“ peinlich genau darauf achtet, dass Vater und Mutter stets das gleiche Quantum an Dank und Zuwendung abbekommen. Dann die Angst des Jungen um die von schwerer Depression heimgesuchte Mutter, der er bis auf die Elbbrücken nachhetzt, damit sie sich nichts antut: „Ich rannte um ihr Leben!“ Hier und da hat Kästner, der ja so leicht, luzide und zugleich bedeutungsvoll formuliert, Politisches eingeflochten. Er blickt verächtlich auf den militärischen Drill, dem auch der junge Rekrut Kästner unterworfen war, und fordert mit Blick auf Krieg und Massensterben: „Bestraft die Regierungen, nicht die Völker!“ Der Abend schließt mit dem lapidaren Satz über den geschichtlichen Wendepunkt 1914: „Der Weltkrieg hatte begonnen, und meine Kindheit war zu Ende!“ Privater und politischer zugleich können Kindheitserinnerungen nicht sein. Großer Applaus für Walter Sittler und seine Musikergruppe, die Münsters Theaterpublikum einen höchst spannenden und kraftvollen Erinnerungsabend bereiteten.

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