Polizeipräsident im Interview "Subjektives Sicherheitsgefühl hat sich verändert"

Münster -

Eine Woche nach der Amokfahrt von Münster scheint der Sachverhalt klar. Jens R. war ein Einzeltäter, der seine Tat offenbar nicht angekündigt hat. Offen bleibt, warum er zwei Menschen mit in den Tod gerissen hat. Im Interview berichtet Münsters Polizeipräsident vom Stand der Ermittlungen.

Von Ralf Repöhler
Polizeipräsident Hans-Joachim Kuhlisch (l., neben der Leitenden Oberstaatsanwältin Elke Adomeit) gibt am Sonntag nach der Amokfahrt eine Pressestatement in der Altstadt ab.
Polizeipräsident Hans-Joachim Kuhlisch (l., neben der Leitenden Oberstaatsanwältin Elke Adomeit) gibt am Sonntag nach der Amokfahrt eine Pressestatement in der Altstadt ab. Foto: dpa

Über die Stand der Ermittlungen sprach unser Redakteur Ralf Repöhler mit Münsters Polizeipräsidenten Hans-Joachim Kuhlisch.

Herr Kuhlisch, wäre die Amokfahrt aus Sicht der Polizei zu verhindern gewesen?

Kuhlisch: Eindeutig nein. Und das ist keine Antwort, die wir schnell geben. Nach allen jetzigen Erkenntnissen gab es in den vorliegenden Dokumenten keinen Hinweis auf eine konkrete Eigengefährdung und schon gar nicht auf eine Fremdgefährdung.

Der Polizei war vor der Amokfahrt eine Mail von Jens R. bekannt, in der sein psychisch labiler Zustand deutlich wurde. Hat die Polizei richtig reagiert?

Kuhlisch: Uns lag vor der Tat eine Mail vom 29. März vor, die uns über die Feuerwehr erreicht hatte. Es gab darin keinen Hinweis auf eine Fremdgefährdung. Im Gegenteil: Der Mann beteuert darin, dass er vielleicht für aggressiv gehalten werde, aber nie jemand anderem Gewalt angetan habe. Es gab familiäre Streitigkeiten, bei denen er Mobiliar zerstört hat. Jahre vorher. Ganz zum Schluss findet sich ein Satz, ich übersetze ihn: Nicht dass diejenigen, die mir das angetan haben, für meinen Tod verantwortlich sind. Da er ohnehin nach einer Operation viele körperliche Leiden hatte, ließ sich damals daraus nichts ableiten.

Die Polizei war aufgrund der Mail an der Wohnung des späteren Amokfahrers, hatte ihn aber nicht angetroffen. War das ausreichend?

Kuhlisch: Nach dem damaligen Anruf der Feuerwehr, sind wir zur Wohnung gefahren. Als wir ihn nicht angetroffen hatten, haben wir die Dresdener Kollegen informiert, die ihn in seiner anderen Wohnung dort auch nicht antrafen. Damit war der Sachverhalt für diesen Augenblick ausermittelt, weil es in der Mail und auch vor Ort keine konkreten Hinweise gab. Zumal der Mann nachmittags beim Gesundheitsamt war, um etwas abzugeben. Gingen wir an solchen Stellen weiter, würden wir ständig Hausfriedensbruch begehen.

Einen Abschiedsbrief haben die Ermittler nicht gefunden?

Kuhlisch: Nein.

Wer war Jens R.?

Kuhlisch: Wenn wir das wüssten, dann wüssten wir, warum er die Tat in dieser Form und in diesem Augenblick gemacht hat. Fachleute sagen uns, dass sich dieses Bild nicht mehr rekonstruieren lässt. Wir können Jens R. nicht befragen, nicht beobachten. Es bleibt Spekulation. Und es stellt sich am Ende die Frage, was bringt es uns noch konkret, genau zu wissen, was in ihm vorging. Wir scheuen uns auch zu sagen, er sei labil oder anderes gewesen. Das ist eine sehr schwierige fachärztliche Entscheidung.

Was war das Motiv?

Kuhlisch: Das Motiv lag in der Persönlichkeit des Täters. So unkonkret der Satz ist, so wenig stigmatisiert er andere, die ähnliche Verhaltensweisen zeigen, aber niemals eine solche Tat begehen.

Also keine terroristischen, rechtsradikalen oder satanistischen Hintergründe?

Kuhlisch: Wir mussten in der unmittelbaren Situation ausschließen können, ob es mehrere Täter gibt. Es gab solche Zeugenaussagen. Oder gab es einen politischen Hintergrund? Das konnte erst im Laufe des Nachmittags und der Nacht ausgeschlossen werden. Die Kernergebnisse sind: Einzeltäter, kein politischer Hintergrund, keine Ankündigung der Tat, keine Beziehung zu den Opfern und zum Tatort, keine Erklärung, warum in dieser Form.

Das Ziel der Amokfahrt war also zufällig gewählt?

Kuhlisch: Nachdem, was wir jetzt wissen, ja. Der Kiepenkerl-Platz ist gerade an solchen Sonnentagen sehr beliebt und ein absoluter Traditionsort. Es gibt aber keine Anhaltspunkte dafür, dass ihn das gelenkt hat.

Es hätte sein können, dass er das woanders macht?

Kuhlisch: Das ist Spekulation. Aber allein die Tatsache, dass wir in seiner Wohnung Gas, Benzin, Ethanol und einen Strick gefunden haben, zeigt, dass er möglicherweise Alternativen erwogen hat. Ärzte könnten sagen, dass er besonders auf sich aufmerksam machen wollte. Solche Hinweise ergeben sich nicht direkt aus den Unterlagen. Vielmehr ist es das Verschicken der vielen Dokumente mit dem Bedürfnis, dass sich viele Menschen mit seiner Situation befassen sollen.

Der Bulli ist vorher an mehreren Stellen in der Stadt gesehen worden.

Kuhlisch: Es scheint nach Zeugenaussagen so zu sein, dass er nicht gezielt zum Tatort gefahren ist. Fachleute sagen, der konkrete Entschluss fällt manchmal innerhalb von Augenblicken. Aber auch das ist in diesem Fall nur Spekulation.

Was passierte dann?

Kuhlisch: Er fuhr in Richtung Kiepenkerl, erhöhte die Geschwindigkeit, fuhr auf den Platz und hat sich sofort, nachdem das Fahrzeug stand, durch einen Schuss selbst getötet.

Welche Auswirkungen hat die Amokfahrt auf die Sicherheitslage in Münster?

Kuhlisch: Sie hat keine Auswirkungen auf die objektive Sicherheitslage, die von der abstrakten Terrorgefahr bestimmt ist. Das subjektive Sicherheitsgefühl hat sich verändert. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass die Polizei durch sichtbare Präsenz darauf einwirken kann.

Hat der vergangene Samstag Einfluss auf das Sicherheitskonzept beim Katholikentag im Mai?

Kuhlisch: Das Sicherheitskonzept einer Veranstaltung wie dem Katholikentag musste und muss immer hinterfragt werden. Wir werden noch mal mehr Polizei auf die Straße bringen. In Uniform, nicht mit Maschinengewehren. Es gab immer wieder kleinere Veränderungen im Sicherheitskonzept, das bald vorgestellt wird. Der Vorfall von Samstag war unvorhersehbar. Es gibt keine Wiederholungsgefahr in konkreter Form. Städte und Gesellschaften dürfen nicht anfangen, sich einzukasteln. Der Katholikentag war sicher, ist sicher, bleibt sicher. Wichtig ist, dass die Menschen ihn besuchen und ohne Angst dorthin gehen.

http://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/5658679?categorypath=%2F2%2F2669082%2F2670173%2F2686135%2F2686808%2F2686822%2F