Sicherheit nach Amokfahrt Polizei erhöht Präsenz beim Katholikentag

Münster -

Die Polizei wird ihre Präsenz beim Katholikentag, der vom 9. bis 13. Mai in Münster stattfindet und zu dem Hunderttausend Besucher erwartet werden, nach der Amokfahrt vom vergangenen Samstag deutlich erhöhen. Das kündigte Polizeipräsident Hans-Joachim Kuhlisch im Gespräch mit unserer Zeitung an.

Von Ralf Repöhler, Carsten Voß, Elmar Ries
Sicherheit nach Amokfahrt: Polizei erhöht Präsenz beim Katholikentag
Foto: Matthias Ahlke

„Der Katholikentag war sicher, ist sicher, bleibt sicher“, sagte Kuhlisch. Die Polizei hatte im Vorfeld der Großveranstaltung auf eine starke Präsenz gesetzt, die nun noch mal angehoben wird.

Die Amokfahrt in Münster vom vergangenen Samstag, bei der drei Menschen getötet wurden und über 1000 Polizisten bis in die Nacht im Einsatz waren, habe keine Auswirkungen auf objektive Sicherheitslage, die weiterhin von der abstrakten Terrorgefahr in Deutschland bestimmt sei. Das subjektive Sicherheitsgefühl aber habe sich verändert, so Kuhlisch.

Das Motiv für die Amokfahrt lag nach den bisherigen Erkenntnissen der Ermittler in der Persönlichkeit des Täters. Das wird nach der Auswertung der zahlreichen Dokumente deutlich, die Jens R. an unterschiedliche Adressaten verteilt hatte – auch an unsere Zeitung.

Tief verzweifelt

Die sechs Gigabyte große Datensammlung lässt keine Rückschlüsse auf die spätere Amokfahrt zu. Sie war weder vorhersehbar noch hätte sie verhindert werden können, sagt Prof. Dieter Seifert, Facharzt für Psychiatrie und ärztlicher Leiter der Forensik in Amelsbüren, der die Dokumente durchgesehen hat.

Dass er die Datensammlung versandte, sei vermutlich als Versuch zu werten, „der Welt zu zeigen, welches Unheil ihm angetan wurde“, so Seifert. R. sei offenkundig tief verzweifelt gewesen, habe keinen rationalen Gedanken mehr fassen können. „Keiner kann sagen, wann der Entschluss zu der Tat reifte, ob der Zeitpunkt und die Wahl des Ortes reiner Zufall waren“, betont Seifert. Die Entwicklung dahin sei vermutlich über Jahre in kleinen - und für die Umwelt kaum wahrnehmbaren - Schritten vonstattengegangen. Solche Entwicklungen seien in der Psychiatrie bekannt, „jedoch ausgesprochen selten“. R. habe weder kriminelles noch dissoziales Verhalten gezeigt.

Vermutlich Einzelgänger

Die Dokumente, darunter viele Fotos, die einsame Campingszenen zeigen, legen die Vermutung nahe, dass R. zuletzt ein Einzelgänger war. „Damit fehlte ihm aber auch ein Korrektiv, das ihm hätte helfen können, aus der verzweifelten Situation herauszukommen“, so der Experte. „Es hätte alles gut ausgehen können, wenn er ein solches Korrektiv gefunden hätte.“

In der münsterischen Wohnung des Täters fand die Polizei neben zündfähigem Material wie Gasflaschen und Kanister mit Bioethanol und Benzin auch einzelne Bauteile für einen möglichen Sprengsatz, die nicht miteinander verbunden waren. „Eine zündfähige Vorrichtung wäre zwar generell möglich gewesen, aber nicht kurzfristig und nicht ohne Aufwand“, heißt es.

Für die Ermittler sind die Funde ein Indiz dafür, dass Jens R. über einen Plan B nachgedacht hat, wie er aus dem Leben scheiden konnte. Dafür spricht auch ein in der Wohnung gefundener Strick.

Kommentar: Hoffen auf Trost nach der Amokfahrt

Die Akte Jens R. kann und sollte eine Woche nach der Amokfahrt von Münster geschlossen werden, die polizeilichen und ermittlungsrechtlichen Facetten des Geschehens vom 7. April 2018 sind aufgeklärt. Die Frage des Warum wird nie beantwortet, sondern liegt begründet in der kranken Psyche eines Täters, der seine mörderischen Pläne nie offenbarte und deshalb im Vorfeld wohl auch nicht gestoppt werden konnte.

Zurück bleiben Tote, um die nicht nur Angehörige und Freunde trauern. Zufallsopfer. Zurück bleiben Verletzte an Körper und Seele, deren Leben hoffentlich nicht zu stark von dem Trauma des Anschlags bestimmt wird und die irgendwann wieder so leben können wie vor dem 7. April. Dies wäre ein Trost – genauso wie der Umstand, dass Polizei, Rettungskräfte und Verantwortliche in den Lagezentren Großartiges geleistet haben.

Die mediale Aufmerksamkeit für die Betroffenen wird und soll weichen, die Solidarität im persönlichen Umfeld bleiben. Das Land hat angekündigt, den Opfern – anders als nach dem Anschlag vom Breitscheidtplatz – keine Kostenbescheide für rechtsmedizinische Untersuchungen zuzustellen, sondern wirksam zu helfen. Die Einlösung dieser Ankündigung – wir werden sie kontrollieren. Frank Polke

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