Opferschutzbeauftragte im Interview „Da, wenn alle anderen weg sind“

Münster -

Elisabeth Auchter-Mainz hat einen besonderen Blick auf Opfer. Die Opferschutzbeauftragte des Landes war am Montag in Münster. Am Dienstag hat unser Redaktionsmitglied Stefan Werding mit ihr gesprochen.

Von Stefan Werding
Opferschutzbeauftragte Elisabeth Auchter-Mainz: „Ich habe erlebt, dass die Opfer nicht so ganz im Blick stehen.“
Opferschutzbeauftragte Elisabeth Auchter-Mainz: „Ich habe erlebt, dass die Opfer nicht so ganz im Blick stehen.“ Foto: dpa

Sie waren am Montag in Münster. Haben Sie schon die ersten Opfer getroffen?

Auchter-Mainz: Das ist gestern noch nicht passiert, wird aber zeitnah geschehen. Mein Team und ich werden mit den Opfern, die in ganz NRW und außerhalb wohnen, Kontakt aufnehmen und ein persönliches Gespräch anbieten. Dann werden wir fragen, ob sie Hilfsangebote nutzen wollen und wir ihnen dabei helfen können. Auch bei Anträgen nach dem Opferentschädigungsgesetz können wir als Lotse tätig werden.

Warum sind Sie dann nach Münster gekommen?

Auchter-Mainz: Ich habe vor Ort mit Vertretern des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe, des polizeilichen Opferschutzes und des Weißen Rings gesprochen. Wir alle sind jederzeit für die Opfer da, wenn es um Fragen zur Betreuung und Entschädigung der Opfer nach diesem Anschlag geht. Ich wollte klären, dass wir das alle gemeinsam im Sinne der Opfer machen.

Sind sie also mehr eine Lotsin, die hilft, den richtigen Ansprechpartner zu finden?

Auchter-Mainz: Wir sind eine Ansprechstelle für Menschen, die Opfer einer Straftat geworden sind. In einfach gelagerten Fällen geben wir rechtlichen Rat. In komplexen rechtlichen Fällen geben wir den Rat, sich anwaltlicher Hilfe zu bedienen.

Viele Menschen in Münster sind an Körper und Seele verletzt. Welche Möglichkeiten der Hilfe gibt es für sie?

Auchter-Mainz: Es gibt in NRW ein sehr gutes Netz von Traumaambulanzen. Die können kurzfristig Termine für Betroffene vergeben. Wir haben damit - unabhängig von Münster - sehr gute Erfahrungen gemacht. Das ist auch in Münster mit Sicherheit so. Die Traumaambulanzen sind da. Sonst müssen Betroffene Wochen oder Monate auf Therapieplätze warten. Das ist in Traumaambulanzen anders.

Teilen Sie die Ansicht, dass unschuldige Opfer einer Tat wie in Münster oft vergessen werden?

Auchter-Mainz: Nein, das würde ich nicht sagen. Es ist oft so, dass unmittelbar nach einem solchen Ereignis sehr viel Hilfe angeboten wird. Aber viele Einrichtungen leisten auch später noch wichtige und wertvolle Hilfe. Auch mein Team und ich werden an der Seite der verletzten und traumatisierten Menschen bleiben, solange sie unsere Unterstützung brauchen.

Sie waren Generalstaatsanwältin, bevor sie Opferschutzbeauftragte wurden. Haben Sie die Erfahrungen, die Sie da gemacht haben, dazu bewogen, sich an diese neue Aufgabe heranzuwagen?

Auchter-Mainz: Ich habe als Staatsanwältin in Gerichtsverhandlungen sehr viele Frauen nach Vergewaltigungen oder Missbrauch erlebt und weiß, wie schwierig es oft für Opfer ist. Es hat sich schon vieles verbessert, aber immer noch stehen die Opfer nicht so sehr im Blick. Die Aufgabe der Opferschutzbeauftragten ist eine wichtige Stelle. Das hat mich bewogen, diese Stelle zu übernehmen.

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Hinweis: In der Regel berichten wir nicht über Selbsttötungen – außer die Tat erfährt durch die Umstände besondere Aufmerksamkeit. Grund für die Zurückhaltung ist die hohe Nachahmerquote nach jeder Berichterstattung über Selbsttötungen. 
Wenn Sie sich selbst betroffen fühlen, kontaktieren Sie bitte umgehend die Telefonseelsorge. Unter der kostenlosen Hotline 0800-1110111 oder 0800-1110222 erhalten Sie Hilfe von Beratern, die schon in vielen Fällen Auswege aus schwierigen Situationen aufzeigen konnten. Ergänzend können Sie das Angebot der Krisenhilfe Münster (0251-519005) in Anspruch nehmen und dort bis zu zehn kostenlose persönliche Beratungstermine vereinbaren. 

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