Japanische Forscher stellen künstliche Eizelle her Professor Schöler: Unverantwortlich beim Menschen

Münster -

Japanische Forscher haben erstmals künstlich eine Eizelle der Maus hergestellt – viele sehen darin eine Revolution der Fortpflanzungsmöglichkeiten auch beim Menschen. Der münsterische Stammzellforscher Hans Schöler ist skeptisch – er hat die Grundlage für das jetzt publizierte Experiment geschaffen.

Prof. Dr. Hans Schöler hat die Grundlagen für das jetzt Aufsehen erregende Experiment aus Japan gelegt. Er sieht darin keine Zeitenwende in der Reproduktionsmedizin
Prof. Dr. Hans Schöler hat die Grundlagen für das jetzt Aufsehen erregende Experiment aus Japan gelegt. Er sieht darin keine Zeitenwende in der Reproduktionsmedizin Foto: mpi-muenster

Der japanische Wissenschaftler Katsuhiko Hayashi hat im Labor erstmals aus Hautzellen von Mäusen komplette Eizellen gezüchtet, aus denen gesunde Nachkommen hervorgingen. Die Entwicklung wird als Revolution bewertet – es heißt, sie bringe die Prinzipien von Fortpflanzung und Familie vollends ins Wanken. Der münsterische Stammzellforscher Hans Schöler , Direktor am Max-Planck-Institut für molekulare Biomedizin in Münster, hatte 2003 für die Arbeiten der japanischen Kollegen den Grundstein gelegt. Er schätzt die Folgen der neuen Entdecklung weitaus weniger tiefgreifend ein, wie er im Interview mit unserer Redakteurin Karin Völker erläutert.

Sind Sie von der Entwicklung ihrer Kollegen in Japan überrascht?

Schöler: Die Arbeit ist zweifellos aufsehenerregend. Überrascht bin ich eher, dass es so lange gedauert hat, bis es gelungen ist, in der Kulturschale funktionstüchtige Eizellen herzustellen. Das dafür grundlegende Verfahren habe ich mit meinem Team seinerzeit noch in den USA entwickelt und 2003 erstmals publiziert. Eizellen sind sehr komplex – und im Experiment der japanischen Kollegen sind auch nur aus drei Prozent der hergestellten Eizellen Nachkommen hervorgegangen. Wir haben damals alle Zellen des Follikels (darunter versteht man die Hilfszellen der Eizellen) in der Kulturschale erhalten, wohingegen die japanischen Forscher jetzt die Eizellen mit echten fötalen Zellen vereint haben. Das würde ich nicht mit menschlichen fötalen Zellen machen wollen.

Hat die Entwicklung aus ihrer Sicht Konsequenzen für die Reproduktionsmedizin beim Menschen?

Schöler: Das ist ein sehr weiter Weg. Das Experiment ist ja zunächst mit Zellen der Maus geglückt. Ich sehe aber grundsätzlich dadurch keine Perspektive für die Reproduktionsmedizin beim Menschen. Denn die DNA der Hautzellen, also die Grundlage der im Labor gezüchteten Eizellen, ist alt und damit zwangsläufig geschädigt. Die so erzeugten Eizellen, dasselbe gilt übrigens auch für Samenzellen, werden nie die Qualität von natürlich gereiften haben. Selbst wenn das Verfahren beim Menschen gelänge – es wäre unverantwortlich, es anzuwenden.

Die aktuelle Studie aus Japan

Bei dem jetzt diskutierten Experiment in Japan gelang es erstmals, in der Kulturschale Eizellen heranreifen zu lassen, aus denen Nachkommen entstanden.  Aus Eizellen und Samenzellen entstehen die embryonalen Stammzellen, aus denen sich wiederum alle Zelltypen des Körpers entwickeln. Hans Schöler hat erstmals Körperzellen im Labor reprogrammiert und  embryonale Stammzellen erzeugt, nicht aber reproduktionsfähige Eizellen. Letztere gelten als besonders wertvoll für die Forschung, die ethisch umstrittenen Eizell-Spenden könnten so überflüssig werden, heißt es nun im internationalen Medienecho. Durch die Möglichkeit, Eizellen herzustellen, würde auch die Reproduktion vom biologischen Alter eines Menschen entkoppelt. Es wird auch gefolgert, dass gleichgeschlechtliche Paare miteinander leibliche Kinder haben könnten, sogar, dass Fortpflanzung ohne Partner möglich sei.

In Deutschland wäre es aufgrund der Gesetzeslage ohnehin nicht möglich...

Schöler: Das außerdem, aber das schließt ja nicht aus, dass solche Verfahren anderswo zur Anwendung kommen. Aber die Grundlage ist ungeeignet für die Reproduktionsmedizin. Die DNA von Körperzellen taugt nicht zur Herstellung von Eizellen. Man kann keine schlechte DNA in gute verwandeln. Vom Zeitpunkt der Geburt an nimmt die Qualität der DNA ab. Ab einem Alter von etwa 45 schreiten beim Menschen Schädigungen in den Zellen rasant fort. Zum Beispiel steigt ja im Alter die Häufigkeit von Tumoren.

Ist es, wie vielfach gesagt wird, durch die Entwicklung in Japan theoretisch möglich, dass gleichgeschlechtliche Paare leibliche Kinder bekommen können?

Schöler: Nein, es ist nicht möglich, aus der Körperzelle eines Mannes eine funktionelle weibliche Eizelle herzustellen, umgekehrt auch nicht eine Samenzelle aus der Körperzelle einer Frau.

Sehen Sie einen positiven Nutzen durch die Möglichkeit, Eizellen im Labor zu züchten?

Schöler: Es wird nun besser möglich sein, die Entstehung und die Entwicklung von Eizellen zu untersuchen und die Mechanismen dabei besser zu verstehen. Wir können auch studieren, wie sich Umweltgifte auf die Fruchtbarkeit auswirken. All das kann durchaus viel Nutzen für die Medizin bringen.

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