Star-Posaunist Ray Anderson beim Westfälischen Kunstverein Witz mit ganzem Körpereinsatz

Münster -

Eigentlich sind musikalische Darbietungen Angelegenheit der konzertierenden Künstler. Wenn aber mit Ray Anderson, einer der bedeutendsten Posaunisten des Jazz, seinen 64. Geburtstag auf der Bühne des Landesmuseums begeht, wird er vom Publikum schon einmal mit einem „polyharmonischen“ Geburtstagsständchen begrüßt.

Von Stefan Herkenrath
Wie eine New Orleans Marching Band (v.l.): Steven Bernstein, Ray Anderson und José Davila (verdeckt: Tommy Campbell).
Wie eine New Orleans Marching Band (v.l.): Steven Bernstein, Ray Anderson und José Davila (verdeckt: Tommy Campbell). Foto: Stefan Herkenrath

Eigentlich sind musikalische Darbietungen Angelegenheit der konzertierenden Künstler. Wenn aber mit Ray Anderson , einer der bedeutendsten Posaunisten des Jazz, seinen 64. Geburtstag auf der Bühne des Landesmuseums begeht, wird er vom Publikum schon einmal mit einem „polyharmonischen“ Geburtstagsständchen begrüßt. Im Rahmen der Jazzreihe des Westfälischen Kunstvereins gastierte das Geburtstagskind Anderson mit seiner Pocket Brass Band am Sonntagabend in Münster .

Dabei gelang ihm das Kunststück der Quadratur des Kreises und das so mühelos und spielerisch, dass es schon staunen machte. Anderson, der in den 70er Jahren im Kreis der musikalischen Avantgarde um Anthony Braxton berühmt wurde und mit den Slickaphonics die Hip-Band des Free-Funk gründete, verknüpfte Moderne und Tradition zu einem homogenem Ganzen.

Die mit José Davila (Sousafon), Steven Bernstein, (Trompete) und Tommy Campbell (Schlagzeug) im Stile der New Orleans Marching Bands besetzte Formation eröffnete mit ihrer Version von Duke Ellingtons „The Mooche“. Und schon mit den ersten Takten schien auf, wie viel Avantgarde bereits im Ellingtonschen Original steckt und wie traditionell gerade die avantgardistischen Soli in ihrem jazzmusikalischen Kern sind.

Anderson und Bernstein zelebrierten den Ellingtonschen Jungle Growl mit solcher Hingabe, dass diese spezifische Klangfarbe der frühen Ellington-Orchester ihre Tendenz zur Auflösung der traditionellen Dur-Moll-Harmonik offenbarte. Noch weiter zurück in der Geschichte des Jazz und noch wesentlich weiter südlich in den Vereinigten Staaten bewegte sich die Pocket Brass Band mit dem von José Davila auf dem Sousafon angestimmten „Louisiana“. Hier gab sich der New-Orleans-Stil die Ehre und mit ihm sein wohl prominentester Vertreter, Louis Armstrong. Dieser wurde zum einen von Ray Anderson verkörpert, dessen Scat-Gesang im Stile des King of Jazz immer mal wieder ins Beatboxing changierte. Zum anderen von Schlagzeuger Tommy Campbell, der den Musikclown gab, das Schlagzeug mit hinter dem Rücken verschränkten Händen bediente und mit ganzem Körpereinsatz ungewöhnliche Geräusche in sein Solo integrierte. Das war urkomisch – und doch blieb einem angesichts des Bezugs zu den vom weißen Musikpublikum missbrauchten Musikclowns Louis Armstrong und Fats Waller das Lachen im Hals stecken.

Mit dem großartigen „Some Day“ aus der „Sweet Chicago Suite“, mit der sich der äußerst spielfreudig aufgelegte Ray Anderson vor seiner Heimatstadt verbeugte, endete ein herausragendes Konzert.

http://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/4376218?categorypath=%2F2%2F2669082%2F2670173%2F2686135%2F2686808%2F2686822%2F