Adolph-Kolping-Berufskolleg Ein Abbild der Gesellschaft

Münster -

Das Adolph-Kolping-Berufskolleg ist das älteste Kolleg in Münster. 2360 Schüler besuchen aktuell die Schule. Schulleiter Martin Lohmann stellt die Vorzüge dieser Schulform vor.

Martin Lohmann leitet das Adolph-Kolping-Berufskolleg, das 100 Jahre besteht.
Martin Lohmann leitet das Adolph-Kolping-Berufskolleg, das 100 Jahre besteht. Foto: Oliver Werner

Mindestens 40 verschiedene Nationalitäten treffen sich heute im Adolph-Kolping-Berufskolleg. Um das Schulgebäude aus dem Jahre 1914 wird Schulleiter Martin Lohmann (62) oft beneidet. Von der Lotharingerstraße aus koordiniert er mit seinem Team, zu dem 98 Lehrer gehören, alle drei Schulstandorte. Das Berufskolleg feiert am 4. und 5. November sein 100-jähriges Bestehen. Redakteurin Gabriele Hillmoth sprach mit dem Schulleiter über die Aufgaben eines Berufskollegs.

Ist der Altbau eine Last?

Lohmann: Nein. Unter den Bedingungen, wie sich Schüler heute verändern, bieten gerade solche Gebäude, wie wir sie haben, eine Chance, eine etwas wohnlichere Atmosphäre zu schaffen. Neubauten mögen funktionsfähiger sein, sind aber auch steril und bieten nicht das Wohnliche an, in dem sich unsere Schüler und das Kollegium entspannter bewegen können. Das Programm der gesunden Schule haben wir also schon vom Gebäude her.

Ist das Adolph-Kolping-Berufskolleg das größte in Münster ?

Lohmann: Nein. Das größte Kolleg ist das Hansa-Berufskolleg. Wir haben aktuell 2360 Schüler und damit erstmals 60 Schüler weniger. Bisher sind wir stetig gestiegen, aber jetzt macht sich der Beginn des demografischen Wandels bemerkbar. Aber das ist nur der Anfang, die Spitze kommt ja noch. Viele Ausbildungsberufe sind nicht mehr so gefragt, das stellen wir fest.

Wie schaffen Sie es, den Überblick zu behalten?

Lohmann: Eine logistische Meisterleistung ist ein Berufskolleg an sich schon. Eine Regelschule ist dagegen sehr überschaubar. Wir aber wissen nicht, welche Schüler zu uns kommen. Wir haben alle allgemeinbildenden Abschlüsse am Berufskolleg – von der Förderschule bis zum Abitur und zusätzlich die Berufsabschlüsse. Die Herausforderungen wachsen mit dem Thema Inklusion und mit den Geflüchteten. 80 Schüler, 14 bis 16 Nationalitäten, sind zurzeit in fünf Klassen untergebracht. Die Zahl der Unversorgten, wie die Jugendlichen bezeichnet werden, die keinen Ausbildungsplatz gefunden haben, ist auf 247 Schüler gestiegen. Wir haben innerhalb der Kollegs in Münster den größten Anteil.

Werden Berufskollegs heute gerne von unentschlossenen Schülern für eine Warteschleife genutzt?

Lohmann: In einzelnen Fällen habe ich das Gefühl, dass manche Schüler, die von allgemeinbildenden Schulen kommen, durchaus noch so orientierungslos sind, dass sie erst mal zum Berufskolleg gehen. Das merkt man daran, dass sie sich beliebig einschreiben. Aber die meisten, die zu uns kommen, haben eine Chance, sich am Berufskolleg schwerpunktmäßig einen Bildungsweg auszusuchen. Das sehe ich als Vorteil für viele Schüler an. Sie sind zwar an das Zentralabitur gebunden, haben aber einen Schwerpunkt. Ich glaube, dass unsere Schüler richtig viel leisten müssen, denn sie haben nicht so eine Bandbreite, auf die sie ausweichen können.

Spielt das Abitur G 8  oder G 9 bei Ihnen eine Rolle?

Lohmann: Die G-8 und G-9-Debatte könnte man sich sparen, wenn die Eltern nur wüssten, dass G 9 am Berufskolleg sowieso existiert. Und bei uns haben die Schüler noch die Chance, dass sie zum Vollabitur auch einen kompletten Berufsabschluss nach Landesrecht absolvieren können.

Wo sehen Sie heute Ihre Schwerpunkte?

Lohmann: Die erschwerten Bedingungen für ein Berufskolleg bestehen darin, dass Menschen aus allen Schulformen, aus allen gesellschaftlichen Gruppierungen und mit einem extrem hohen Migrationsanteil zusammentreffen. Die Schüler haben sich außerdem sehr verändert, sind psychisch wesentlich labiler geworden. Das fällt richtig auf. Dieser Umgang mit Vielfalt und die Digitalisierung der Arbeitswelt werden uns fordern.

Wie wollen Sie handeln?

Lohmann: Wir müssen einen Schulabschluss und Berufsabschluss vermitteln. Wir möchten es schaffen, dass sich die verschiedenen Gruppen, die ein Abbild unserer Gesellschaft sind, wahrnehmen und friedlich miteinander leben. Wenn man heute die Welt sieht mit diesem Rechtsruck und dem Wahlverhalten, dann ist das unsere Aufgabe, als letzte Institution, die unterschiedlichen Menschen unter einem Dach zusammenzubringen. Ich hoffe, die Politik begreift diesen Wert eines Berufskollegs. Dies wäre eine Chance für eine Prophylaxe.

Unterstützt die Politik die Kollegs?

Lohmann: Die Politik hat die Bedeutung der Berufskollegs erkannt und gerade in den letzten Monaten fühlen wir uns gesehen.

Was würden Sie sich persönlich wünschen?

Lohmann: Vonseiten des Schulträgers auf jeden Fall den Ausbau des WLAN-Netzes und die Erneuerung der technischen Ausstattung der Werkstätten für die Schüler der „Beruflichen Grundbildung“. Neben einer hohen Aufmerksamkeit auf politischer Ebene auch kürzere Wege innerhalb der Verwaltung und keine Reduzierung der Hausmeisterzeiten. Denn gerade Hausmeister sind die gute Seele einer Schule. Wenn diese gute Seele als Ansprechpartner fehlt, das halte ich für katastrophal. Dann verwahrlosen Gebäude, die Langzeitfolgen können teuer werden.

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