Antonia Lows Mahnmal im Schloss erinnert an den Umgang der Universität mit ihrer Vergangenheit Kein Scherz – eine Mahnung

Münster -

Ahnungslose und Münster-Neulinge werden stutzen und den Kopf schütteln. In Schilda bauten die Bürger ein Rathaus ohne Fenster, und in Münster setzt die Universität eine Treppe vor die Wand. Im Schloss. Aus gutem Grund.

Von Gerhard H. Kock
Zwei Karriere-„Leitern“: Zwischen 1933 und 1945 ließ die Universität Lebenswege vieler ihrer Studenten und Professoren vor die Wand laufen – aus „rassischen“ oder politischen Gründen. Daran erinnert das Mahnmal von Antonia Low.
Zwei Karriere-„Leitern“: Zwischen 1933 und 1945 ließ die Universität Lebenswege vieler ihrer Studenten und Professoren vor die Wand laufen – aus „rassischen“ oder politischen Gründen. Daran erinnert das Mahnmal von Antonia Low. Foto: Gerhard H. Kock

Ahnungslose und Münster-Neulinge werden stutzen und den Kopf schütteln. In Schilda bauten die Bürger ein Rathaus ohne Fenster, und in Münster setzt die Universität eine Treppe vor die Wand. Im Schloss. Aus gutem Grund. Denn diese Arbeit der Konzeptkünstlerin Antonia Low ist kein Scherz, sondern ein Mahnmal , eine Erinnerung an ein trauriges Kapitel akademischer Geschichte der Wilhelms-Universität .

Das Treppenwerk kommt so lapidar daher, so lakonisch. So lapidar und lakonisch wollten die meisten Akademiker nach dem Zweiten Weltkrieg am liebsten zur Tagesordnung übergehen. Eine Auseinandersetzung mit dem unfreien Geist ließ Jahrzehnte auf sich warten und dauert an. Im Jahr 2000 bekennt sich die Westfälische Wilhelms-Universität „voll Scham“ zur Verantwortung für das damalige Unrecht. Auf der dem Mahnmal gegenüberliegenden Wand erinnert ein Text an die entsprechende Erklärung des Senats.

Nach Ende des Dritten Reiches gab es eine reibungslose Wiederaufnahme des Lehrbetriebs – kein Erinnern an jene Wissenschaftler, Mitarbeiter und Studierende, die von den Nationalsozialisten entlassen oder zwangsexmatrikuliert oder denen die Doktorgrade aberkannt wurden. Ihnen sowie den Zwangsarbeitern, die während des Krieges an der Uni Zwangsdienst leisten mussten, ist das Mahnmal von Antonia Low im Südflügel des Schlosses gewidmet, das am 28. Juli 2004 eingeweiht wird.

Im Grunde gehören beide Treppen als Mahnung zusammen. Denn angesichts der acht Stufen verändern sich auch die bis nach oben führenden Stufen. Es ist eben keine Selbstverständlichkeit, vorurteilsfrei und ohne Diskriminierung seinen Weg gehen zu dürfen. Der Aufstieg in ein besseres Leben mag gelegentlich mühsam sein, aber er ist in einer freien Gesellschaft immerhin möglich, wenn Leistungswille und faire Bedingungen herrschen. Insofern ist die stumme Treppe im Schloss eine Mahnung, die Gesellschaft offen zu halten, niemanden zu diskriminieren und ihren Mitgliedern faire Bedingungen zu ermöglichen, sich ihren Talenten entsprechend zu entwickeln. Damit neugierige, leistungs- und bildungswillige Menschen nicht vor die Wand laufen.

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Die Westfälischen Nachrichten stellen in Zusammenarbeit mit Dr. Eckhart Kluth einige Werke aus dem „Kunstraum Universität“ vor. 

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