St.-Lamberti-Kirche: Tafel erklärt umstrittene „Ecclesia und Synagoga“-Darstellung „Steine des Anstoßes“ in neuem Licht

Münster -

Es ist erfreulich, wie sich Sichtweisen sowie religiöse Gefühle und Vorbehalte im Laufe der Geschichte verändern.

Von Johannes Loy
Die Passionsdarstellung mit den allegorischen Figuren „Ecclesia“ (l.) und „Synagoga“ (r.) an der Lambertikirche in Münster erhält in Kürze eine erklärende Tafel.
Die Passionsdarstellung mit den allegorischen Figuren „Ecclesia“ (l.) und „Synagoga“ (r.) an der Lambertikirche in Münster erhält in Kürze eine erklärende Tafel. Foto: Pfarrgemeinde St. Lamberti

Es ist erfreulich, wie sich Sichtweisen sowie religiöse Gefühle und Vorbehalte im Laufe der Geschichte verändern. Gerade der jüdisch-christliche Dialog hat in einer von dem münsterischen Fundamentaltheologen Johann Baptist Metz postulierten „Theologie nach Auschwitz“ unter dem Eindruck des Antisemitismus der Nationalsozialisten und des Grauens der Shoah eine neue Richtung und Gewichtung bekommen. Mit dem 2. Vatikanischen Konzil hat die Katholische Kirche zugleich ihre Haltung zu den großen Weltreligionen, besonders zu den Juden, den „älteren Geschwistern“ der Christen, neu formuliert. „Christen können nur in der Wertschätzung der Juden ihren eigenen Ursprüngen treu bleiben“, so erläutert es Dr. Ludger Winner , Pfarrer der Gemeinde St. Lamberti in Münster.

Der religiös motivierte Antijudaismus fand über die Jahrhunderte Ausdruck auch in figürlichen Darstellungen an großen Kathedralen. Hier eine triumphierende allegorische Frauengestalt mit dem Namen „Ecclesia“, ihr gegenüber die „Synagoga“, zum Zeichen ihrer Verblendung mit einer Augenbinde versehen. „Damit wollte man vorwurfsvoll hinweisen auf die Ablehnung Jesu als Messias durch Juden“, erläutert Ludger Winner. Eine solche Darstellung mit „Ecclesia und Synagoga“ gibt es seit 1910 auch am kleinen Portal neben dem Sakristeieingang der mächtigen Stadtkirche im Zentrum Münsters. „Dieses Ärgernis“, so Winner, „wurde thematisiert im Rahmen einer Vortragsveranstaltung in der münsterischen Synagoge im November 2015.“ In deren Verlauf referierte Bischof Dr. Felix Genn über die Bedeutung der Erklärung von „Nostra Aetate“ über das Verhältnis zu den nichtchristlichen Religionen 50 Jahre nach dem Ende des 2. Vatikanischen Konzils. In einem sich anschließenden Vortrag ging die Theologieprofessorin Dr. Marie-Theres Wacker damals auf das kleine Lamberti-Portal und die umstrittene Steinmetzarbeit ein.

Ein Jahr später und viele konstruktive Gespräche zwischen St. Lamberti und jüdischer Kultusgemeinde weiter findet der interreligiöse Dialog nun konkret Niederschlag in einer neuen Beschriftung. Sie soll die Darstellung von 1910 für den interessierten Passanten und Betrachter aufschlüsseln und erklären. Der zentrale Satz der in Vorbereitung befindlichen Info-Tafel nahe der Steinmetzarbeit lautet nun: „Durch solche und ähnliche figürliche Gegenüberstellungen von Ecclesia und Synagoga wurden Juden von Christen über Jahrhunderte auf schmerzliche Weise herabgewürdigt. Im Sinne des 2. Vatikanischen Konzils distanziert sich die Kirche heute von dieser antijüdischen Sichtweise. Die katholische Kirchengemeinde St. Lamberti setzt sich gemeinsam mit der jüdischen Gemeinde Münster dafür ein, dass Würde und Rechte aller Menschen gewahrt werden.“

Pfarrer Ludger Winner zeigt sich froh darüber, dass der jüdisch-christliche Dialog im Zentrum Münsters ein solches sichtbares Ergebnis zeitigt.

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