Freuynde und Gaesdte zeigen „Das dritte Auge der Westfalen“ Spökenkieker oder die Existenz des schon Möglichen

Münster -

„Ein toter Mann!“ Annette von Droste-Hülshoff (Anke Winterhoff) ist entsetzt. Gerade hat ihr ein Gast des Vaters (Konrad Haller) von der Weissagung seiner Schwester erzählt.

Von Isabell Steinböck
Böser Ahnungen im Kino des Stadtmuseums (v.l.): Gabriele Brüning, Konrad Haller und Anke Winterhoff spielen die Spökenkiekerei der Westfalen.
Böser Ahnungen im Kino des Stadtmuseums (v.l.): Gabriele Brüning, Konrad Haller und Anke Winterhoff spielen die Spökenkiekerei der Westfalen. Foto: f+g

„Ein toter Mann!“ Annette von Droste-Hülshoff (Anke Winterhoff) ist entsetzt. Gerade hat ihr ein Gast des Vaters ( Konrad Haller ) von der Weissagung seiner Schwester erzählt. Die „Spökenkiekerin“ will den Tod des Kötters auf der Mauritzheide vorhergesehen haben. „Außergewöhnlich“, sagt die junge Frau beeindruckt, und hakt doch nach. Wie kann es sein, dass der Kötter trocken war, als man ihn fand, obwohl er doch vom Blitz erschlagen worden sein soll? Was anfänglich faszinierte, entpuppt sich als ärgerliche Lügenmär. Der Fantast habe sich wohl vom Vater eine Belohnung erhofft. „Er hört diese Geschichten ja so gern.“

Bis heute jagt Übersinnliches Zuhörern einen wohligen Schauer über den Rücken. Gemessen an der Dichte von „Vorkiekern“ waren solche Erzählungen einst in Westfalen besonders beliebt. Regisseur Zeha Schröder hat in alten Gerichtsakten und Dokumenten recherchiert und blickt mit humorvoller Distanz auf das kuriose Material, das drei spielfreudige Darsteller seiner Kompanie Freuynde + Gaesdte als „Das dritte Auge der Westfalen“ im Kino des Stadtmuseums szenisch aufarbeiten. Historische Stiche, Gemälde und Fotos aus Münster und Umgebung stimmen als Bühnenbild-Projektion auf die Zeitreise ein. Dass Schröder in Dr. Bernd Thier (Historiker des Stadtmuseums) zudem einen Wissenschaftler mit einer Schwäche für „ungewöhnliche Forschungsfelder“ gefunden hat, verleiht dem Thema eine bemerkenswert realistische Komponente.

In eingeschobenen Vorträgen erfährt der Zuschauer, dass Spökenkieker Spielbernd bereits 1756 von Wagen gesprochen hat, die von keinem Zugtier bewegt würden, und zwar genau dort, wo später die Bahntrasse verläuft. Technik, die Furcht einflößte – dachte man doch, der Körper könnte Beschleunigungen über 25 Kilometer pro Stunde nicht aushalten.

Abenteuerlich die „Brandgesichter“, von denen Witwe Holtkötter (Gabriele Brüning) dem sichtlich unbeeindruckten Wachtmeister Fuest (Konrad Haller) berichtet, teils auf Plattdeutsch. Die resolute Dame muss schon mit der Handtasche aufs Schreibpult knallen, damit der Realist ihre Warnung („Feuer über Ahaus!“) zur Kenntnis nimmt. Zwei Tage später kommt es tatsächlich zum Brand. Ob Schichter Wildenhaus das Feuer selbst gelegt hat, oder ob er tatsächlich ein „drittes Auge“ hatte?

„Die Existenz des Möglichen wird es immer geben“, meint Thier. Sonst wären die Geschichten auch nur halb so schön.

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