Die Welt der neuen Serien Binge-Watching mit Breaking Bad

Münster -

House of Cards, Walking Dead, Vikings – alles Serien, die großenteils über das Netz gesehen werden. Münsterische Wissenschaftler haben ermittelt: Die Serien sind längst keine Nischenprodukte mehr.

Von Günter Benning
Thorsten Hennig-Thurau und Nora Pähler vor der Holte mit Serien-DVDs aus der Heribert-Meffert-Bibliothek.
Thorsten Hennig-Thurau und Nora Pähler vor der Holte mit Serien-DVDs aus der Heribert-Meffert-Bibliothek. Foto: Günter Benning

Vermutlich ist die Heribert-Meffert-Bibliothek am Stadtgraben die einzige Uni-Einrichtung, in der man eine komplette Staffel von „ House of Cards “ ausleihen kann. Doktorandin Nora Pähler vor der Holte holt sich einen Schlüssel, dann zieht sie aus dem Glasregal alles, was an neuen Drama-Serien gerade angesagt ist: „Ich selbst gucke nicht viel davon – außer Downton Abbey .“

Downton Abbey? Wer jetzt an das Haus am Eaton Place denkt, der muss sich von ihrem Doktorvater Prof. Dr. Thorsten Hennig-Thurau sagen lassen, dass er erstens vom alten Schlag ist. Und dass zweitens Downton Abbey „zehn Mal besser ist“ als sein antiquierter Vorläufer.

Was sich jenseits der öffentlich-rechtlichen und privaten Sender an Serien-Kultur für den Bildschirm entwickelt, haben Hennig-Thurau und Pähler vor der Holte in einer Untersuchung am Marketing Center Münster analysiert. „In Deutschland halten viele Fernsehmacher die Serien, die bei Amazon Prime oder Netflix laufen, für Nischenprodukte“, sagt Hennig-Thurau.

Die Untersuchung mit rund 4000 internet-affinen Befragten zeigte jedoch, dass 47 Prozent von ihnen mindestens eine der neuen Serien gesehen haben. Die populärste – und gruseligste – „The Walking Dead“ – wird von 23 Prozent gesehen, bei der besten konventionellen Serie „Dr. House“ waren es 27 Prozent. Nur vier Punkte mehr.

Die neuen Serien, die oft aus dem Netz geladen werden, verändern Sehverhalten und Lebensstil. „Wir gucken mal Filme“, sagt heute der Student am Wochenende – und verschwindet allein oder mit Freunden für Stunden von der Bildfläche.

„Binge-Watching“ nennt das Pähler vor der Holte. Die neuen Serien werden oft am Stück verdaut. 50 Prozent der Befragten sahen mehrere Serienteile hintereinander. Sieben Prozent schaffen eine komplette Staffel am Stück.

Für alle, die von der Freizeit leben, heißt das: Fernsehen hängt immer weniger von bestimmten Tagen ab. Die Serien-User gucken, wann sie Zeit haben, meist am Wochenende. „Ich sehe in den neuen Serien eine echte Gefahr für das Kino“, sagt Hennig-Thurau, der ein begeisterter Kinofan ist. Aber er hat schon lange keinen guten Film mehr gesehen: „Wirklich Neues gibt’s heute nur noch in Serienform“, sagt der Medienexperte.

Produktionen wie Vikings, MadMen oder True Detective hätten Hollywood-Format. Und sie erzählen komplexe Geschichten. Das flache Programm, das frei verfügbare Sender zur Genüge bieten, sucht man bei den Serienknüllern vergeblich.

Die münsterischen Forscher untersuchen ein Feld, das heftig umgepflügt wird. Am Freitag etwa stellte Amazon eine Comedy-Serie von Woody Allen ins Netz, der sich bisher allen Fernseh-Avancen versperrt hat. Beim Dreh, sagt der Star-Regisseur, habe er keine Auflagen, keine Kontrollen, aber ausreichend Geld bekommen.

Auch sonst unterscheiden sich Serien wie Game of Thrones, Sherlock oder The Wire vom herkömmlichen Fernsehen. Thorsten Hennig-Thurau: „Sie sind viel komplexer – man braucht eine größere Aufmerksamkeit.“ Und ihre Bilder sind oft so drastisch und realitätsnah, dass Zartbesaitete wegsehen. Pähler vor der Holte: „Walking Dead kann ich nicht sehen.“

Der Umbruch in der Bilderwelt führt zu mehr Austausch. Jeder Vierte kommuniziert während des Sehens mit anderen über die Filme. Das ist deutlich mehr als bei konventionellem Fernsehen.

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