Kreative Köpfe Die heimlichen Stars des Theaters

Münster -

Während die Schauspieler die umjubelten Stars des Theaters sind, wirken sie eher im Hintergrund: Masken-, Bühnen- und Kostümbildner. Die Schattenmänner und -frauen entwickeln mit dem Regisseur Ideen für den Rahmen einer gelungenen Inszenierung. WN live hat die verborgenen Stars des Stadttheaters Münster besucht und ihnen auf die Finger geschaut.

Von Mirko Heuping
Kreative Köpfe : Die heimlichen Stars des Theaters
An einer Perücke sitzt eine Maskenbildnerin 40 - 50 Stunden. Foto: Wilfried Gerharz

Der Bürotrakt des münsterischen Stadttheaters erinnert von innen eher an eine Schule als an ein Schauspielhaus. Die Flure des 70er-Jahre-Anbaus in grauer Sichtbeton-Optik, von denen rechts und links die Räume wie Klassenzimmer abzweigen, versprühen auf den ersten Blick einen spröden Charme. Es lohnt allerdings, genauer hinzusehen. Denn das, was hinter den Türen passiert, würde wohl jeder Kunstlehrerin das Herz erwärmen. Dort verbergen sich jede Menge Überraschungen. Hier ein kleines Haute-Couture-Modeparadies, da ein Mikrokosmos aus Skizzen, Modellen, Knetmasse und Kleber. Ein wenig weiter ein fußballfeldgroßer Raum gefüllt mit bunten Kleidern.

Des Schauspielers neue Kleider

Es ist der Arbeitsplatz der Masken-, Bühnen- und Kostümbildner. Der Männer und Frauen hinter den Kulissen, die nicht weniger Künstler sind als diejenigen auf der Bühne. „Jedes Stück ist ein Versuch“, bringt es Bernhard Niechotz auf den Punkt. Der Leitende Bühnen- und Kostümbildner ist darauf bedacht, mit optischen Elementen das Drehbuch eines Stückes zu unterstreichen. Vom kleinsten Requisit über Frisuren der Darsteller bis hin zur Kulisse – bei ihm laufen die Fäden zusammen. Der Ansprechpartner des Regisseurs ist nur einer von etwa 120 Mitarbeitern, die bereits am frühen Morgen an den Vorbereitungen kommender Stücke sitzen. Denn während am Abend die Bühne in den Mittelpunkt rück, schlägt das Herz des Theaters über Tag hier.

Dafür sorgt auch Herrengewandmeisterin Andrea Schütte . „Ich wusste selbst lange gar nicht, dass es dieses Berufsbild überhaupt gibt“, sagt die gelernte Schneiderin breit lächelnd. Schütte ist seit sieben Jahren am Theater in Münster tätig. Zur Vorbereitung machte sie zuvor eine zweijährige Weiterbildung in Hamburg . Gemeinsam mit dem Kostümbildner entwirft sie die Garderoben der Schauspieler, nimmt die Maße der Bühnenkünstler und fertigt Schnitte.

Vor ihr auf dem Tisch liegt eine Marionette, die sie für das Stück „Die Nibelungen“ einkleiden soll. Daneben türmt sich ein Sammelsurium aus Arbeitsmaterialien: ein Maßband, Scheren, Stecknadeln sowie eine Mappe mit Fotos des „Monostatos“. Die Rolle des teufelsähnlichen Wesens aus dem Klassiker „Die Zauberflöte“ wurde in dieser Spielzeit in Münster umbesetzt. Der bisherige Darsteller ließ sich sein Kostüm für jede Vorstellung als Bodypainting auf den Körper malen, die neue Besetzung möchte lieber etwas mehr Stoff am Körper tragen. „Ich schaue gerade nach einem passenden Trikot“, erläutert Schütte. Sie setzt sich an ihren PC und schaut eine Video-Szene aus der Zauberflöte an. Selbst nähen muss die Herrengewandmeisterin die Kostüme nicht. Das besorgt die Werkstatt schräg gegenüber.

Nähmaschine statt Nadel und Faden

Betagte Damen mit Nadel und Faden sucht man hier vergebens. Die gut gelaunten Schneiderinnen hinter den ratternden Nähmaschinen sind ausnahmslos junge Frauen. Tapfer ertragen sie die Hitze, die sich in den letzten Sommertagen des Jahres in dem mit Neonlicht ausgeleuchteten Raum staut.

Ingrid Falkenroth näht gerade eine Korsage für die Kriemhild-Darstellerin aus dem Nibelungen-Stück. „Wir haben auf jeden Fall abwechslungsreiche Aufgaben“, sagt sie. Die junge Schneiderin und ihre Kolleginnen arbeiten besonders zu Beginn einer neuen Spielzeit im Akkord. Schließlich müssen alle bestellten Kleidungsstücke rechtzeitig zu den Premieren fertig sein. Änderungen inbegriffen, Verspätungen ausgeschlossen. „Wir arbeiten gerade an Kostümen für drei Stücke gleichzeitig“, erklärt Falkenroth, während sie sich wieder der Korsage zuwendet.

Perücken undabgetrennte Köpfe

Wenige Schritte den Gang hinunter fertigt das Team von Chefmaskenbildner Wilfried Gradic gerade Perücken. Auf eine Thermo­tüll-Montur, die sich dem Kopf des jeweiligen Darstellers bei Wärme millimetergenau anpasst, knüpft Markus Wegmann Haare unterschiedlicher Farbtöne. „Schließlich soll es möglichst echt aussehen“, sagt er. 40 bis 50 Stunden sitzt ein Maskenbildner an einer solchen Perücke. Sie besteht zu 90 Prozent aus echtem Menschenhaar. Teurem Menschenhaar. Denn die Nachfrage nach Echthaar-Extensions hat besonders bei jungen US-Amerikanerinnen in den letzten Jahren stark zugenommen. Haare für eine Perücke kosten bis zu 1500 Euro.

Bodypaintings, Tattoos, Spezialeffekte, Masken und natürlich das Schminken der Schauspieler gehören ebenfalls zu den täglichen Aufgaben von Gradics Abteilung. Im Gegensatz zu den Schneiderinnen oder Ausstattern müssen daher auch am Abend immer Maskenbildner vor Ort sein, um die Schauspieler für ihren Auftritt optisch vorzubereiten. „Mit sieben Mitarbeitern und zwei Auszubildenden sind wir eigentlich unterbesetzt“, sagt Gradic. Eine neue Maskenbildner-Stelle hat das Theater auf seiner Homepage allerdings erst für den Sommer nächsten Jahres ausgeschrieben. Kultureinrichtungen müssen mit immer knapperen finanziellen Ressourcen auskommen.

Auf die Frage nach der spannendsten Aufgabe der Maskenbildner gerät Gradic ins Schwärmen: „Am meisten Spaß macht uns wohl allen das Modellieren – selbst kreativ zu werden.“ Aus einer Schublade zieht er den Kopf des ­Jochanaan, ein Requisit aus dem Stück „Salome“. Er klemmt es lässig unter seinen Arm: „Na, gruselig?“, fragt er grinsend.

Eine riesige Kleiderkammer

Gradics Schubladenfundus ist im Gegensatz zum riesigen allgemeinen Kostümfundus eine Minisammlung. Seit 1956 stapeln sich Kleider, Röcke, Anzüge und alles, was die Schauspieler im Laufe der Zeit auf der Bühne getragen haben. „Wir haben hier etwa 19 000 Kleidungsstücke“, sagt Fundusverwalterin Agnes Henrichmann. Und sie weiß genau, wo sie welches findet. Hunderte gut bestückte Kleiderstangen unterstreichen ihre Aussage.

Obwohl diese Sammlung wahrscheinlich das Angebot jedes Kostümverleihs weit und breit in den Schatten stellt, bleibt sie einzig Theaterzwecken vorbehalten. „Es gibt zwar ständig Anfragen, ob wir zu Karneval , Halloween oder Oktoberfesten Kleidungsstücke verleihen, aber das machen wir nicht. Ich habe schon eine Liste mit Telefonnummern der Kostümverleihe neben dem Telefon liegen. Die gebe ich den Anrufern dann“, so Henrichmann. Schließlich wäre die Reinigung verliehener Kostüme oft teurer als ein Neukauf, und ein organisierter Verleih alleine vom Verwaltungsaufwand nicht zu stemmen. Mit einer Ausnahme: „Ab und zu kooperieren wir mit Schulen und stellen denen für bestimmte Zwecke ein Kostüm zur Verfügung“, sagt die Fundusverwalterin.

Applaus für alle

Das Theaterpublikum bekommt bei den Aufführungen weder von Henrichmanns Arbeit noch von der des restlichen Teams hinter den Schauspielern besonders viel mit. Doch was wäre ein Quasimodo-Darsteller ohne künstlichen Buckel, ein Mönch ohne Tonsur oder eine Festgesellschaft aus dem 17. Jahrhundert ohne barocke Kostüme?

Der wohlverdiente Applaus am Ende einer Vorstellung gilt zwar in erster Linie den Schauspielern, doch mindestens die Hälfte davon gehört eigentlich den fleißigen und kreativen Kräften im Hintergrund. Denn das Herz des Theaters schlägt auch hinter der Bühne.

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