Wuchtig mit starken Bildern: „Die Nibelungen“ in Münster Die Zombies aus dem Mythos

Münster -

Zwei Bräute im Zickenkrieg. Die eine, Kriemhild, wähnt sich am Ziel ihrer Träume, hat den gewünschten Mann bekommen und will nun mit Schwägerin Brunhild plaudern. Diese andere hingegen, zur Ehe mit Kriemhilds königlichem Bruder Gunther gezwungen, gibt sich widerspenstig, so dass die Lage eskaliert. Als Kriemhild schließlich triumphierend beweist, dass es ihr Mann Siegfried war, der Brunhild überwältigte, kann es für die Gedemütigte nur noch einen Gedanken geben: Rache.

Von unseremRedaktionsmitgliedHarald Suerland
Kriemhild (Claudia Hübschmann) kann nicht ahnen, wozu ihr goldgewandeter Siegfried (Garry Fischmann) von Hagen Tronje (Jonas Riemer) im Sinne König Gunthers (Janco Lamprecht) angestiftet wird.
Kriemhild (Claudia Hübschmann) kann nicht ahnen, wozu ihr goldgewandeter Siegfried (Garry Fischmann) von Hagen Tronje (Jonas Riemer) im Sinne König Gunthers (Janco Lamprecht) angestiftet wird. Foto: Marion Bührle

Der Streit vor dem Dom ist eine Schlüsselszene im Nibelungenlied: Sie führt zur Ermordung Siegfrieds und später zum Rachefeldzug der Witwe Kriemhild, durch den ein ganzer Volksstamm ausgerottet wird. Friedrich Hebbel hat die Szene in seinem Trauerspiel „Die Nibelungen “ entsprechend wortmächtig ausgestaltet, und Regisseur Frank Behnke lässt die beiden Frauen in seiner Inszenierung effektvoll aufeinander los: In ihren Brautkleidern stehen sie auf erhöhtem Podest vor dunkler Bühne und liefern sich ein verbales Gemetzel.

Hebbel, im selben Jahr geboren wie Richard Wagner, hat aus dem alten Nibelungen-Stoff eine gewaltige Dramenfolge geschmiedet, die Frank Behnke wiederum zu einer Drei-Stunden-Aufführung im Großen Haus verdichtet. Mit modernen Mitteln, aber ohne Firlefanz: Wenn die besiegte Brunhild singt „Bang Bang, he shot me down“, ist das ebenso stimmig wie Kriemhilds Goldregen, mit dem sie sich Unterstützer erkauft. Bühnenbildner Peter Scior hat einen grandiosen Raum für Behnkes Bildideen geschaffen: Aus dem Orchestergraben führen breite Stufen zum Eisernen Vorhang, und wenn der sich nach dem „Vorspiel“ hebt, wird eine wuchtige Treppe sichtbar, die sich zwischen hohen Wänden bis zum schwarzen Horizont verjüngt. Auf und zwischen den beweglichen Elementen agieren Männer mit fleckigen Anzügen und ebensolchen Gesichtern: Die Burgunder um König Gunther sind schwerttragende Zombies , denen zu Beginn des zweiten Teils ein kurzer Text von Falk Richter gewidmet ist: Kehren diese verblendeten, sich zu Treue bis in den Tod bekennenden Gestalten nicht gerade heute gegen alle Vernunft zurück?

Behnke liefert diesen Schlüssel zur Interpretation, überfrachtet die Aufführung aber nicht damit. Zugleich verzichtet er darauf, das Stück in ein konkretes Hier und Jetzt zu transferieren, sondern setzt auf die archaische Kraft der Sprache und der Bilder, die vom raffinierten Sound (Musik: Fabian Kuss) unterstrichen wird.

Im beherzt zusammengestrichenen Personal der Stücke ist Jonas Riemer als Hagen Tronje der druckvolle Strippenzieher des Burgunderquartetts – ein zynischer Realpolitiker, der die Intrigen um den schwachen König (Janco Lamprecht) lenkt wie nur irgendein Propagandaminister. Mit Sandra Bezler als Brunhild und Claudia Hübschmann als Kriemhild streitet ein Königinnenpaar auf Augenhöhe. Garry Fischmanns Siegfried im Goldanzug verweist auf einen wichtigen Aspekt der Geschichte: Wenn er von seinen Abenteuern erzählt, ist er ein naiv prahlender Junge. Figuren wie er oder Gunther sind gar nicht fähig, verantwortungsvolle Entscheidungen zu treffen.

Dem dunklen Blutgemetzel hat Frank Behnke eine feine Portion Humor beigemischt: Siegfrieds drolliges Dutzend mit Fell-Klamotten und Blond-Perücken ist ebenso putzig wie das Waffenarsenal, von dem Hagen sich bei Tisch entledigen muss. Der Abend ist zwar ein Brocken – aber einer, der bewundernswert zwingend gestaltet ist.

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Nächste Aufführungen am 30. September, 9. und 11. Oktober

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