Minutenjagd im Schnellbus Mit dem S 50 von Ibbenbüren nach Münster

Greven/Ibbenbüren -

48 Kilometer, über 30 Haltestellen und viel zu viele blöde Ampeln, so wird's sein bis MS-Hauptbahnhof: Peter Henrichmann hat den Schnellbus S 50 getestet, auf seiner Fahrt von Ibbenbüren über Saerbeck und Greven nach Münster.

Von Peter Henrichmann
Marlies Schrameyer aus Riesenbeck fährt seit vielen Jahren einen Bus für die RVM. Sie ist öfter auf der S 50-Strecke nach Münster unterwegs
Marlies Schrameyer aus Riesenbeck fährt seit vielen Jahren einen Bus für die RVM. Sie ist öfter auf der S 50-Strecke nach Münster unterwegs Foto: Peter Henrichmann

Morgens. Viel zu früh. Busbahnhof Ibbenbüren . Der schnelle Hunger, Zuhause gab‘s kein Frühstück. Also DB-Shop: Kaffee, heiß und lecker, plus Mortadella-Käse-Brötchen. Warten auf den S 50. Er kommt. Pünktlich, rot, riesig. 15 Meter lang, eine Frau am Steuer: Marlies Schrameyer . Sie nimmt uns mit nach Münster . Schnellbus, Fahrzeit laut Plan: 61 Minuten. „Aber der hat ja immer Verspätung“, lästert ein Schlaumeier. Schau‘n wir mal . . .

Viel Beinfreiheit, aber harte Sitze

Werner Ehrenberg (er koordiniert das RVM-Netz) fährt auch mit. Er wird der Begleiter sein beim Reportage-Termin. Er wird alle Fragen beantworten. Und er freut sich, mal wieder aus dem Büro zu kommen. Mal wieder eine Tour mitzufahren. Die erste Bank ganz vorne, diese zwei Plätze sind heute besetzt.

Apropos sitzen: Der S 50 hat Reisebusformat. Genug Platz für die Beine. Aber die 60 grauen Sitze sind hart am Hintern. „Ist halt Linienverkehr“, sagt die Frau am Steuer und lächelt von ihrem luftgefederten und optisch top-modernen Arbeitsplatz aus herüber. Also: Harte Sitze, aber sonst alles picobello und klinisch sauber. Der Bus ist fast neu, hat mit 60 000 Kilometern nur einen Bruchteil der Laufleistung seiner zehn Jahre Lebensdauer auf der Uhr. 300 PS, MAN – „wir hatten schon welche, die haben eine Million und mehr Kilometergeschafft.“

Genug geredet. Flott jetzt! Sechs Fahrgäste plus Rolli-Fahrer sind eingestiegen. Marlies muss weg. 8.35 Uhr. Abfahrt. 48 Kilometer, über 30 Haltestellen und viel zu viele blöde Ampeln, so wird‘s sein bis MS-Hauptbahnhof. Marlies gibt Gas. Es ruckelt heftig. Los ...

Jede Minute Verspätung zählt

Gleich die erste Ampelphase an der Heldermannstraße passt nicht. Rot. Warten. Mist – 200 Meter gefahren, eine Minute Verspätung. Marlies lächelt, sie kennt das. 21 Profi-Jahre am Lenkrad, sie bringt (fast) nichts mehr aus der Ruhe. „Amtsgericht“ und „Werthmühle“ – eine Computer-Stimme rattert die Stationen runter. Niemand steht da. Keiner will rein, keiner will raus. Beim Hotel Brügge, da wo noch Disco angesagt wird, aber schon lange keine mehr ist, steigen Mutti und die kleine Serafina aus. Der S 50, er ist auch innerstädtischer Kindergartenzubringer.

Morgens halb sechs bis abends halb acht, der S 50 fährt bis zu 17 Mal pro Tag ab Ibbenbüren. 1300 Gäste pro Wochentag, samstags und sonntags um die 500, Werner Ehrenberg kennt eine Menge Zahlen. 80 Prozent Stammgäste. Berufspendler, Schüler, Studenten oder Tagesausflügler. Alle fahren S 50. Für 9,90 Euro bis nach MS, Rückfahrt extra. Die Hälfte hat günstige Dauer-, Monats- oder Abo­karten. 50 Prozent zahlen bar. Der Kostendeckungsgrad liegt bei 70 Prozent – „für Regionalbusse ist das ein guter Wert“, sagt Ehrenberg.

Marlies ahnt schon, dass sie in Saerbeck spät dran sein wird: „Ich hab‘s im Gefühl“, sagt sie. Verspätung, auf die Minute genau spürt und weiß sie das. Und wenn nicht: Es gibt ja eine Uhr. Weiter nach Dörenthe: Zwei Minuten. „Eigentlich will ich um .53 in Saerbeck sein“, sagt sie. Und dass sie nicht zu schnell fährt mit dem Bus, sagt sie auch. Verantwortung. Bundesstraße 219, die Minuten schmelzen, per Funk klärt die Frau am Steuer, dass in Saerbeck keine Umsteiger in eine andere Linie zu erwarten sind. Gut.

Viele Fahrgäste wollen zum Flughafen

Am Friedhof in Saerbeck steigt eine junge Frau ein. Ein freundliches „Hallo“, ein freundliches Lächeln – Marlies Schrameyer mag die Menschen, die mit ihr fahren. Viele davon wollen zur nächsten Station: Flughafen. „Manchmal stehen in Ibbenbüren oder in Münster 25 Leute mit dicken Koffern. Die wollen alle zum FMO“, sagt Marlies. „Die Verbindung wird schon rege genutzt“, erzählt sie – und weiß doch auch, dass es diesem Flughafen in Sachen Passagierzahlen gar nicht gut geht.

Es geht weiter über Westladbergen und den Kreisel kurz vor Ladbergen – der Bus nimmt die schnelle Route – über die Kanaltrasse zum FMO. Dort ist kurbeln mit Augenmaß und Servolenkung angesagt: Die Vorfahrt ist eng, 15 Meter S 50 quälen sich durch. Marlies kann ihren Bus mit einen Hand lenken, trotzdem: Es dauert.

Der Bussteig ist ganz am Ende. In der Sonne warten fünf Koffer-Gäste nach Münster. Kleingeld suchen (die Uhr tickt), Fahrscheine ausdrucken (die Uhr tickt) und eine Frau aus Asien versteht echt nicht, dass das hier wirklich ganz bestimmt und ehrlich der Bus nach Münster ist. Zweieinhalb Minuten . . .

Die Uhr tickt

Der Autobahnanschluss des FMO an die A 1 ist wie für die RVM gemacht. Schnurgerade, angenehm zu fahren, zack-zack – doch Marlies muss bremsen: Mitten in der Walachei – da wo alle Flughafen-Freunde immer noch vom großen Gewerbepark träumen, will ein Wanderer-Pärchen einsteigen. Mit Waldi. Bei der RVM dürfen auch Vierbeiner mit.

Normalerweise fährt der S 50 jetzt über die Autobahn A 1 bis Greven. Auf dieser Tour nicht. Mit Rollstuhl an Bord ist das aus Sicherheitsgründen nicht erlaubt. „Das sind 4,5 Minuten Umweg, die hol‘ ich nicht mehr raus“, sagt Marlies. Sie fährt nach Greven, biegt ab auf den Schifffahrter Damm, die Bundesstraße B 481. „Früh morgens, wenn Berufsverkehr ist, ist das schlimm hier“, sagt sie.

Und Greven jetzt einfach rechts liegen lassen? Die Busfahrerin zuckt mit den Achseln. „Ist halt ein Schnellbus.“ Einen Haltepunkt gibt es trotzdem in Greven. Nicht am Busbahnhof, stadtzentral, sondern an der Gaststätte Wauligmann. Dort ist man froh, seit diesem Jahr wieder ein Zusteigemöglichkeit für die Bewohner der Bauerschaft zu haben. Ein Schnellbus für Bockholt und Guntrup. Und natürlich freut sich auch der Gastronom über diese Schnellbus-Anbindung. An diesem Morgen aber rauscht der Bus vorbei an der Traditionsgaststätte. Keiner will aussteigen, keiner will einsteigen.

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Münster ist eine Katastrophe...

Werner Ehrenberg

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Besser wird‘s mit dem Verkehrsaufkommen nicht, wenn das Stadtschild von Münster in Sicht kommt: Ab jetzt geht nur noch wenig, egal ob rein oder raus. „Münster ist eine Katastrophe“, stöhnt Werner Ehrenberg. Die Ampeln ... Manchmal muss der Bus viermal warten, bevor er abbiegen kann. Minuten vergehen, die Verspätung wächst. Mitten in MS bedient der S 50 zwei Haltestellen. Jetzt fährt der S 50 durch und ist schneller als der Bummelbus von den Stadtwerken. Wenn da nicht die gelbe Dampfwalze wäre, die gemächlich mit 8 km/h vor Marlies rumkriecht. Überholen? Geht nicht.Die Uhr, sie tickt. Marlies entfleucht ein leises „Schiet“

Kurz vorm Ziel ist auch noch die Ampel rot und an der Bushaltestelle vis á vis vom Bahnhof parkt ein dicker Laster. Der S 50 muss in der zweiten Reihe mitten im Verkehr halten.

71 Minuten für die Fahrt nach Münster

Endstation, Marlies schaut nicht auf ihre schicke Uhr. Sie weiß ja, dass es zehn Minuten geworden sind. 71 Minuten hat die Fahrt nach Münster gedauert. „Ich kann‘s nicht ändern“, sagt die Chauffeurin.

Ob man mit dem Auto schneller ist? Werner Ehrenberg hat da eine feste Meinung: „Wer mit dem Bus fährt, muss keinen Parkplatz suchen, ist schon mitten in der Stadt, muss nicht zum Bahnhof laufen.“ Klar, er würde Bus fahren. Der Schnellbus – er ist eine Alternative.

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Wer mit dem Bus fährt, muss keinen Parkplatz suchen, ist schon mitten in der Stadt, muss nicht zum Bahnhof laufen.

Werner Ehrenberg

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Die Koffer-Gäste vom FMO sind inzwischen eilig ausgestiegen, Marlies Schrameyer hat dem Rolli-Fahrer geholfen. Jetzt muss der Bus hier weg: „Ich habe 40 Minuten Wendezeit in Münster.“ Ein paar Hundert Meter weiter ist ein großer Bus-Warteplatz. Pause, mal kurz raus und auch eben „irgendwo hin“.

Eine knappe halbe Stunde später sitzt Marlies wieder am Lenkrad. Am Bahnhof in Münster startet der S 50 in Richtung Ibbenbüren. Ehrenberg hat Kaffee geholt. Heiß, lecker. „Dann wollen wir mal“, sagt Marlies, nimmt einen Schluck, stellt den Becher in die Halterung, und los geht‘s.

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