Virtuos, authentisch, radikal Der Ton „h“ und das iPhone

Greven -

So wird die „Klassik unplugged-Reihe“ angekündigt. Beim ersten Konzert mit dem Saxophonisten Koryun Asatryan zeigte sich, das die Veranstaltergemeinschaft aus GWK und Beat-Club nicht zu viel versprochen hatte.

Von Ulrich Reske
Koryun Asatryan führte seine Zuhörer im Beat-Club-Keller in musikalische Grenzbereiche.
Koryun Asatryan führte seine Zuhörer im Beat-Club-Keller in musikalische Grenzbereiche. Foto: res

Auweia, wie diese Töne in Worte fassen, die ein Saxophon – lieber weiter mit ph – so ungestüm schmerzhaft gebiert? Koryun Asatrayan, der an diesem Abend zum Solo-Konzert im Rahmen der Bliss-Reihe in den Beat-Club-Keller lädt, entschuldigt sich scheu schmunzelnd beim Auditorium, als er den Samurai auf den Saxophon sterben lässt. Der zeitgenössische japanische Musiker Ryō Noda hat den Tod des Samurai lautmalerisch fürs Saxophon komponiert. „Mir tun die schrägen Töne auch weh,“ teilt der Interpret seinen angespannt lauschenden Zuhörern mit, die erlebten, wie Melodien seziert und Töne in verschlungenen Improvisationen explosionsartig verklingen. Wehe, wer da tinnitusgeschädigt ist.

Als Komponist, der selbst Saxophon spielt, puzzelt der 1952 geborene Japaner die Noten in den Grenzbereich des spielerisch Umsetzbaren.

Wie zuvor schon gehört bei den Etüden des Christian Lauba, eines Franzosen mit marokkanischen Wurzeln. Wer da die Augen schließt, hört nicht nur wie das Alt-Saxophon afrikanisch anmutende Rhythmen intoniert, Bass, Schlaginstrumente – all das fegt zudem in einem trockenen, harten Ton durch das Kellergewölbe.

Klassik unplugged im Beatkeller – faszinierend, wie der noch junge, international aber schon mit viel Preisen ausgezeichnete Mann aus Eriwan eine Atemtechnik einsetzt, die dank permanenter Luftzirkulation den ansatzlosen Dauerton erzeugt. Aremlose Saxophon-Artistik.

Die wirkt nahezu puristisch in einem Stück von Luciano Berio . Über und unter dem permanent gespielten „h“ improvisiert Koryun Asatray mit dem Saxophon, das hier die eigentlich vorgesehene Oboe ersetzt. Wie er das denn hingekriegt habe, fragt die überaus erstaunte Zuhörerin. „ iPhone 6 “, klärt der Saxophon-Lehrer auf, der bei Deutschlands erstem Saxophon-Professor Daniel Gauthier studiert hat. Und tatsächlich ersetzt ein Smartphone-Programm die beiden zusätzlichen Saxophon-Spieler, die der Komponist als h-Ton-Bläser eingesetzt haben wollte.

Nach so vielen schrägen wie interessanten, experimentellen, aber auch ohrenschlackernden Hörproben gerät der Ausflug in die Barock-Welt von Bach und dem nicht minder begabten Zeitgenossen Telemann zu Ohren-Balsam.

Dass Adoph Sax sein Instrument rund 100 Jahre nach den barocken Meistern erfand, blieb nicht unerhört an diesem ganz besonderen Abend, denn das Saxophon haucht den Telemannschen Fantasien eine feine Jazznote ein. Und der Bach? Lassen wir das. Seine Töne sind wirklich nicht in Worte zu fassen.

http://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/4344763?categorypath=%2F2%2F2669082%2F2670173%2F2686135%2F2686808%2F2686824%2F