Dr. Martin Dziersk erklärt Hieronymus Bosch Sex and Crime mit Eulen-Warnung

Reckenfeld -

Der Mann kann „alte Schinken“ so zum Leben erwecken, dass sie hochspannende Geschichten erzählen: Dr. Martin Dziersk hat im Deutschen Haus Hieronymus Bosch erklärt.

Von Stefan Bamberg
Experte mit Erzähltalent:  Dr. Martin Dziersk erzählte packend von Leben und Werk Hieronymus Boschs, dessen Todestag sich zum 500. Mal jährt.
Experte mit Erzähltalent:  Dr. Martin Dziersk erzählte packend von Leben und Werk Hieronymus Boschs, dessen Todestag sich zum 500. Mal jährt. Foto: Stefan Bamberg

Die Eule ist überall. Zumindest überall, wo Unheil im Anmarsch ist. Und das ist für Hieronymus Bosch im Grunde gleichbedeutend mit überall. Die Grundregel, so scheint es: Die Welt ist schlecht, und Spaß ist eher da, wo die anderen sind. Kunsthistoriker Dr. Martin Dziersk hat – nicht zuletzt anlässlich des 500. Todestages des niederländischen Malers – das Leben und Schaffen Boschs in einen faszinierenden Vortrag gegossen, der am Freitagabend Kunstkenner und -laien ins Landhaus Rickermann lockte. Das Landhaus – ein Schauplatz, an dem Bosch eine Krise gekriegt hätte: Hier, wo äußert gerne gegessen, getanzt und musiziert wird, hätte der Künstler vermutlich auch irgendwo eine seiner Eulen platziert: Boschs vielleicht bekanntestes Symbol für das Böse, die Sünde – und für den Satan, der nach Jheronimus van Akens (so Boschs bürgerlicher Name) Überzeugung die Erde erschaffen hat.

Klingt komisch? Ist auch so. Doch Bosch war ein Mann seiner Zeit: Hoch religiös wie eigentlich alle Menschen auf der Schwelle zwischen Mittelalter und Neuzeit. „Ein Christ, aber nicht im klassischen Sinne“, beschreibt ihn Dziersk. Bosch gehörte der Glaubensrichtung der Katharer an, ätzte in seinen Werken gegen die allgegenwärtige römisch-katholische Kirche – mitunter allerdings so subtil, dass es niemandem auffiel. Der Teufel, er steckt bei Bosch im Detail, im wahrsten Sinne des Wortes. „Ganz schön was los auf den Bildern“, flüstert ein Zuhörer seinem Sitznachbarn zu.

Und tatsächlich: Menschen und Wesen, die emsig umher schwirren, sich miteinander vergnügen und dem Laster frönen, sich teilweise an der Gewalt ergötzen. Nicht selten geht es hoch erotisch zur Sache – Szenen, die Dziersk wunderbar süffisant kommentiert. Das Entscheidende allerdings: „Sie glauben, Sie haben alles gesehen?“, fragt der Experte rhetorisch: „Weit gefehlt!“ Hinweise darauf, dass die Katastrophe nicht fern ist, finden sich zumeist gut versteckt: besagte Eule, der vermeintlich so fröhliche Dudelsack als Sinnbild für die Todsünde der Wollust, das berühmte „Heuwagen“-Triptychon als Synonym für Geldgier und Völlerei, vor denen vor allem die Mächtigen der Kirche nicht Halt machten. In dieser Hinsicht schwimme Bosch durchaus in reformatorischem Fahrwasser, wenn auch anders – nämlich deutlich freudloser – als Luther wenige Jahre später.

Nur wenig aus Boschs Vita ist bekannt, nicht einmal sein Aussehen, die Auswahl der erhaltenen Werke begrenzt: Seine wenigen künstlerischen Vermächtnisse – etwa das „Narrenschiff“, der „Heilige Hieronymus“ oder der „Wanderer“ – sie sind nach diesem Dziersk-Abend keine Bücher mit sieben Siegeln mehr.

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